Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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330 BESPRECHUNGEN.

erquickend, in der Zeit technischen Nichtkönnens oder Nichtwollens, in der Mode
des Kubismus oder Futurismus und des wirklichkeitsfremden Expressionismus lehr-
hafte Worte aus dem Munde eines erfahrenen, reifen Künstlers zu hören.

Der Kunstjünger soll lernen, die natürlichen Formen zu beherrschen; nicht die
Einzelheiten pedantisch wiederzugeben, sondern die großen Wesenszüge charakte-
ristisch herauszuheben. Als bestes Hilfsmittel wird hierzu die Arbeit nach dem
Gedächtnis empfohlen. »Nichts anderes erzieht besser zu einem Sehen, das starke
Eindrücke hinterläßt, als das Bewußtsein, auf alles verzichten zu wollen, was nicht
so deutlich sich einprägt, daß es im Gedächtnis festgehalten werden kann« (S. 13).

Riemerschmid sieht nun keineswegs in der bloßen Handfertigkeit den Sinn der
Kunst. Es kommt vielmehr darauf an, »die Formen leben und reden zu lassen«
(S. 6). Man muß die Kunst wie einen einzigen, unersetzlichen Wert gefühlsmäßig
in sich erleben, sofern man bei hohem Talent ein großer Meister werden soll.
»Wie der Vater und Jurist seine Pflicht schlecht tut, der seinen Sohn nur zu einem
guten Juristen erzieht, nicht auch zu einem guten Menschen, so verfehlt sich die
Akademie oder Kunstschule, die ihre Schüler nur zu guten Zeichnern oder Malern
oder Modellierern erzieht, nicht auch zu Menschen, deren Gesinnung erfüllt ist von
Liebe und Ehrfurcht für die Kunst« (S. 6).

Berlin. . Alfred Werner.

1. Karl Marbe, Die Gleichförmigkeit in der Welt. Untersuchungen zur

Philosophie und positiven Wissenschaft. München 1916. C. H. Becksche
Verlagsbuchhandlung. VII und 422 S.

2. Karl Marbe, Mathematische Bemerkungen zu meinem Buch »Die

Gleichförmigkeit in der Welt«. München 1916. C. H. Becksche Ver-
lagsbuchhandlung. 24 Seiten.

1. Die große Ähnlichkeit oder Gleichförmigkeit der Dinge und Vorgänge in
der Welt ist der Gegenstand dieses Buches, das ein philosophisches Werk ist und
zugleich tief in die Einzelwissenschaften eingreift. In den ersten Kapiteln bringt der
Verfasser Erörterungen über Kausalität und das Wesen der Gleichförmigkeit. Die
Gleichförmigkeit der Dinge und Vorgänge in der Welt ist den Menschen etwas so'
Selbstverständliches geworden, daß auch die Gelehrten vielfach achtlos an ihr vorüber-
gehen, und doch förderte die Forschung z. B. über die Gleichförmigkeit des psycho-
logischen Geschehens viel überraschendes, für Wissenschaft und Praxis gleich be-
deutsames Material zutage. Einige Beispiele aus den umfangreichen und zahlreichen
Untersuchungen, welche den Ausgangspunkt und die Grundlage des Buches bilden,
seien hier aufgeführt. Der Verfasser zeigte 40 Versuchspersonen je 2 beziehungs-
weise 3 Spielkarten mit der Aufgabe, von den gezeigten Karten eine zu merken und
den Namen niederzuschreiben; dabei ergab sich, daß bestimmte Karten bevorzugt
wurden. Als Schüler und Soldaten jeweils eine beliebige Zahl von 1—10, von 11
bis 20, von 21—30, von 31—40, von 41—50 zu notieren hatten, wurden am häufigsten
solche Zahlen aufgeschrieben, deren Endziffer 5 war, die andern notierten Zahlen
traten um so seltener auf, je mehr sich ihre Endziffer von 5 entfernte. Von 561 Ver-
suchspersonen wurden nach einer entsprechenden Instruktion rot und blau 279mal
und 22 andere Farbennamen 282mal niedergeschrieben. Nach der Kenntnis solcher
Ergebnisse scheinen die Leistungen mancher Gedankenleser nicht mehr so er-
staunlich. In einem andern Versuch ließ Marbe von den Versuchspersonen beliebig
Wörter aufschreiben, wobei 57 Prozent der notierten Wörter mehr als lmal vorkamen.
Eine Untersuchung über das Schätzen von '/i« Millimeter ergab, daß die Randzehntel
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