Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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D. BEGRÜNDUNG D. KUNSTWISSENSCH. DURCH CHRIST U. WINCKELMANN. 185

hinein ins Kunstgewerbe. Die Allegorie, das regte der Dresdner
Winckelmann schon an, könnte eine Gelehrsamkeit an die Hand
geben, auch die kleinsten Verzierungen dem Orte gemäß zu machen,
wo sie stehen und so die Rokokoschnörkel und das Muschelwerk
durch bedeutend Sinnbildliches zu verdrängen. Ein Herkules mit einer
Hydra von Eisen ist eine Anspielung auf die harte Arbeit, die er zu
leisten hatte. Gleich dem Künstler sei auch der Beschauer überall
auf der Gedankenjagd. In einem Unterricht zur Empfindung des
Schönen, wie ihn gebildete junge Leute erhalten sollen, gehört hinein
das Aufmerken auf allegorische Züge: z. B. auf den lechzenden Hirsch
am Wasser als Sinnbild der Brunst des Jupiters im Jo-Bilde Correg-
gios. Carstens hat später gezeigt, in welche Sackgassen eine solche
Lehre die Kunst locken kann, als er sich sogar unterfing, die Kant-
schen Kategorien »Raum« und »Zeit« allegorisch darzustellen.

Es liegt uns fern, die Grenzen Winckelmanns zu verkennen oder
die erkannten Schranken seines Geistes zu verschweigen. Mit seinen
weitgespannten Theorien, die in einer Zeit des erschöpften künstleri-
schen Formenempfindens formuliert wurden — Goethe hat eine gesetz-
liche Beziehung zwischen Theorie und sinkender Schöpferkraft er-
kannt — ist Winckelmann nicht nur der Vater der deutschen Kunst-
bildung, sondern auch der europäischen Bildungskunst geworden. Es
hat lange gedauert, bis an die Stelle der Lehre vom Ideal wieder die
Lehre von der Natürlichkeit trat, bis Begriff und Gedanke durch sinn-
liche Empfindung und Instinkt, abgeleitete Schönheit durch elementare
Ausdruckskraft verdrängt wurden. Winckelmann und seine Nachfolger
maßen Wert oder Unwert einer künstlerischen Form an ihrer Zu-
gehörigkeit zu einer bestimmten, als kanonisch empfundenen Stilwelt,
wir haben als Kriterium nur die künstlerische Wertigkeit, und diese
kann nicht auf Begriffe abgezogen, sondern sie muß unmittelbar er-
lebt werden.

Und doch bleibt Winckelmann. Seine Person ist größer als seine
Lehre; er hat seine Ideale nicht nur gepredigt, sondern vorgelebt und
die Gestalt des Stendaler Schustersohnes, den sein Dämon sicher auf
die Höhen des Lebens führte, bis ihn der Mordstahl eines Buben jäh
aus dem Glänze riß, ist in ihrer edlen Einfalt und stillen Größe, in
ihrer Verkettung von Glück, Schicksal und Willen ewig erzieherisch
im höchsten Sinne. Diese tief ethische Bedeutung Winckelmanns
schwebte Goethe vor, wenn er 1827 zu Eckermann äußerte: »Er
(Winckelmann) ist dem Kolumbus ähnlich, als er die Neue Welt
zwar noch nicht entdeckt hatte, aber sie doch schon ahnungsvoll im
Sinne trug. Man lernt nicht, wenn man ihn liest, aber man wird
etwas.«
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