Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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VI.

Philosophie und Dichtung.
Typen ihrer Wechselwirkung von den Griechen

bis auf Hegel.

Von

Hermann Glockner.

»Wahre Philosophie aber ist es, die Verschiedenheit und
Mannigfaltigkeit einer Sache durch alle Zeiten zu ver-
folgen.« Kant.

Zu den frühesten Zeiten der hellenischen Philosophie waren
Dichter und Denker so untrennbar miteinander verknüpft, daß »jene
Ältesten, mit denen es hell und geistig wird in der Geschichte ...
jene Väter der Wissenschaft, die man die Patriarchen Europas nennen
kann« (Joel), in gleicher Weise in der Geschichte der griechischen
Poesie wie in der Philosophiegeschichte aufgeführt werden müssen.
Aus dem Geiste des Mythos geboren, hat das seltsam hellseherische
Denken jener Menschen das plastische Gewand erlebter Dichtung ein
halbes Jahrtausend hindurch eigentlich niemals ganz abgelegt und
Geburt und Grab, dithyrambische Lust und all die Schatten und
Schauer unseres so beweglichen und flüchtigen Lebens mit bunten
Hüllen umkleidet und mit zwar mannigfach entgegengesetzten, letzten
Endes aber doch in einer einzigen kühlen und reinen Harmonie aus-
klingenden Gedankendichtungen umsponnen. Jene »naive ungebrochene
Einheit eines harmonischen Menschentums« freilich, in der einst
Herder, Schiller und selbst bisweilen noch Hegel die wundervolle
Einzigartigkeit des griechischen Geisteslebens zu erkennen glaubten,
hat sich uns als die idealisierende Vorstellung einer Zeit erwiesen,
die mit innigem Bemühen das zu erreichen strebte, was den Griechen
angeblich mühelos in den Schoß gefallen war: ein Weltbild von der
abgewogenen Geschlossenheit ihrer Marmortempel, in sich ruhend
und vollkommen wie die plastischen Werke ihrer klassischen Epoche,
klar-bestimmt und wolkenlos wie die Landschaft am Gestade des
»veilchenfarbenen« Meeres1). Lernten wir doch — der wesentlichste
Erziehungsfaktor unserer Nation! — unserer ganzen geistigen Ent-

') Vgl. Natorp, Was uns die Griechen sind. Akad. Festrede 1901.
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