Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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222 BESPRECHUNGEN.

wegung und persönliches Auftreten soll sie sich erstrecken. Das Ideal der griechi-
schen Kalokagathie will Meyer erreichen. Der Begriff der ästhetischen Erziehung
wird hier, also in einem sehr weiten Sinn genommen, Form ist als Form der indi-
viduellen Lebensführung überhaupt verstanden. »Man erziehe die Schüler zu grö-
ßerer Selbsttätigkeit, man gebe ihnen mehr Freiheit der Bewegung, dann wird sich
die Form als Frucht fast von selber einstellen« (S. 14), so meint Th. A. Meyer, viel-
leicht doch etwas zu optimistisch von der Selbsttätigkeit und ihrer Wirkung urteilend.
Als zweite Aufgabe erscheint die Erziehung zum Verständnis des Schönen, also
eine ästhetische Erziehung im engeren Sinn. Hier gibt Meyer eine dithyrambische
Schilderung über den idealen, allgemeinbildenden Wert der Kunst und das Interesse
der Jugend an ihr — da wünschte man doch positivere, psychologisch begründete
Darlegungen: man wird zweifeln, ob den Kleinen gerade für die »Treuherzigkeit
und Gemütswärme von Meistern wie Richter und Thoma« das Verständnis leicht
zu erwecken wäre (S. 14) oder ob moderne erwachsende Knaben nacherlebend »in
sich den großen Heroismus des Willens und der Freiheit« entdecken, der ihnen
»aus Schiller entgegenleuchtet« (S. 20). Das Kunstwerk ist für Meyer vor allem
Ausdruck der Künstlerpersönlichkeit, des Volkscharakters und des Menschentums.
Aber so wichtig solcher Lebenswert der Kunst für die Erziehung auch ist, so fragt
es sich doch, ob darin die Hauptaufgabe der ästhetischen Erziehung beschlossen ist
oder ob nicht auch eine andere Betrachtungsweise der Kunst berechtigt sein kann,
die darum nicht in Ästhetizismus auszuarten braucht. Meyer geht so weit, daß er
es geradezu als »eine Versündigung an der Nation<' ansieht, »wenn man die Kunst-
erziehung an griechischen und italienischen Werken ihren Anfang nehmen läßt«
(S. 23). Von der Einführung eines besonderen Lehrfachs der Kunstgeschichte glaubt
er, daß dadurch nur der »Notizenkram der Schule« vermehrt und die »Kunstfreudig-
keit untergraben würde« (S. 27). Das wird bei einem Unterricht, der mit pädagogi-
schem und ästhetischem Verständnis methodisch geleitet wird, keineswegs der Fall
sein, vielmehr bietet sich gerade hier ein wichtiges Mittel der ästhetischen Erziehung.
Mit Recht weist aber Th. A. Meyer am Schluß seines Vortrags darauf hin, daß
die Kunsterziehung nicht nur ein Problem der Schulreform, sondern auch eines der
Lehrervorbildung sei (S. 28), daß unsere Lehrer auch zu Kunstverständigen heran-
gebildet werden müßten.

Mag man auch in manchen Punkten mit Th. A. Meyer nicht übereinstimmen,
so wird man doch aus seinen klugen, feinsinnigen Worten Anregung schöpfen.

Greifswald. Willy Moog.

Rudolf ßernauer, Die Forderungen der reinen Schauspielkunst.

Ein erkenntnistheoretischer Versuch. Erich Reiß Verlag, Berlin 1920. gr. 8 °.

181 S.
Hätte Bernauer — ähnlich wie Engel in seinen Ideen zu einer Mimik —
in zwangloser Folge seine Gedanken über Schauspielkunst aneinandergereiht, er
hätte uns die Besprechung seines Buches bedeutend erleichtert. Daß er es mit dem
anspruchsvollen Apparat wissenschaftlicher Beweisführung auszustatten sucht, und so
zum Vergleich mit dem einzigen wirklichen Wissenschaftler auf diesem Gebiet zwingt,
den er seltsamerweise nicht erwähnt — nämlich Rötscher — das kommt dem
Ganzen nicht zustatten.

Es ist der grundlegende Irrtum dieses Buches, zu glauben, der reichliche Ge-
brauch wissenschaftlicher Ausdrücke trage wesentlich zu einer Beweisführung bei.
Man wird diesen irrtümlichen Respekt vor der Kraft der Deduktion dem Nicht-
wissenschaftler gerne nachsehen, aber gesagt muß doch werden, daß der scharf-
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