Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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BESPRECHUNGEN. 225

deren Schaffensgesetze verzichten, um eine neue Einheit zu schaffen. Weitere Unter-
suchungen gelten der geistigen Angliederung des Wandgemäldes und seiner Ein-
teilung in das Formgefüge des Bauwerks. Ein eigener Abschnitt ist der räumlichen
Wirkungsrolle der Wandmalerei gewidmet. Ihre einzelnen Arten (Decken- und
Gewölbemalereien, Fassadenmalereien usw.) werden behandelt, ebenso ihre Technik.
Betrachtungen über Ergänzungen der Wandmalerei (Schmuck des Fußbodens, Glas-
gemälde, Intarsia, Wandteppich und Vorhang) bilden den Abschluß. — Schlechthin
bewundernswert sind die Druckausstattung des Buches und die überreiche, vor-
treffliche Illustrierung.

Rostock. __________ Emil Utitz.

Carl Robert, Archäologische Hermeneutik. Anleitung zur Deutung klas-
sischer Bildwerke. Berlin, Weidmannsche Buchhandlung, 1919. 8°. 432 S.
Während Robert bereits im Jahre 1886 in seinem »Bild und Lied« betitelten
Werk eine systematisch angelegte Untersuchung des Verhältnisses der literarischen
Überlieferung, des Stoffes, zu den Kunstwerken des Altertums gegeben hat, betont
er in dem kurzen Vorwort zu seinem neuen Buch, daß er nur Regeln vortrage, die
sich ihm auf rein empirischem Wege, also während seiner jahrzehntelangen erfolg-
reichen Lehrtätigkeit, ergeben haben. Er überläßt es »philosophischeren Köpfen«, die
Gesetze der Hermeneutik in ein System zu bringen. Daraus geht hervor, daß Robert
den Begriff der Hermeneutik nicht in ihrem eigensten Sinn, als Theorie von den
verschiedenen möglichen Methoden der Erklärung faßt, sondern — wie es auch die
Theologen bei dem geläufigeren Begriff der biblischen Hermeneutik tun — als die
dem modernen Archäologen selbstverständliche sachliche Exegese, die historisch-
literarische Erklärung und Auslegung der Bildwerke selbst. Auch die Beschreibung,
die doch nicht selbst Hermeneutik ist, sondern nur ihre notwendige Grundlage
bildet, behandelt Robert ausführlich im ersten Abschnitt und 2ieht sie dann immer
wieder heran. An der Hand von 300 Abbildungen, die er größtenteils mustergültig
beschreibt und analysiert, lehrt Robert den Leser die Kunst des klassischen Alter-
tums erkennen und verstehen. Er dringt vor allem darauf, jedes Kunstwerk zu-
nächst aus sich selbst heraus zu erklären, den Absichten des Künstlers nachzuspüren,
dann aber Mythologie, Literatur, besser erhaltene andere Bildwerke, Umgebung,
Pendants und Fundort mit Vorsicht und ohne »übel angewandte Gelehrsamkeit«
als Hilfsmittel der Deutung heranzuziehen. Reine kritische Tatsachen-Forschung
will Robert geben. Da es aber zwischen beschreibender und normativer Wissen-
schaft keinen scharfen Schnitt gibt, so berührt Robert immer wieder systematische
Grundfragen, obwohl er ihre grundsätzliche Behandlung ablehnt. Während ihm jede
theoretische Beschäftigung mit den Formen und Gesetzen der Kunst, jedes ästhetische
Urteil über formale Eigenschaften der Kunstdenkmäler fern liegt, gibt er glänzende
Analysen nicht nur des stofflichen oder geistigen Inhalts, sondern auch der Elemente
der künstlerischen Gestaltung, z. B. für den Ostfries des Parthenon (S. 31 f.). Seine
vorzüglichen Interpretationen der Kunstwerke erziehen zu genauem Sehen und zum
Nachempfinden der Absichten des Künstlers. In einigen Fällen freilich verführt
das lebhafte Temperament des Verfassers ihn zu so abstrusen Deutungen wie die
des Ares Borghese «uf Paris (S. 42 f.) und des Ostgiebels von Olympia auf den
Auszug zweier Krieger zum Kampf (S. 290 ff.) oder zu den übertriebenen Aus-
deutungen des Ausdrucks der Augen auf attischen Vasenbildern (S. 122 ff. u. 359 f.).
Höchst gefährlich ist die Behauptung, daß es in der Wissenschaft unendlich mehr
auf die Methode als auf die augenblicklichen Resultate ankommt. Für Robert selbst,
dessen geniale Methode mit ungeheurem, kritischen Scharfsinn und ausgebreiteter,
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