Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

Page: 231
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1921/0235
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
BESPRECHUNGEN. 231

Zeit bewegen, und wenn ihre Zeit ihnen ideenlos erscheint, so fassen sie desto
intensiver das Gedachte und Gebildete größerer Zeiten auf« (S. 31). Von Kochs
Typ nach der künstlerisch-schaffenden Seite hin sagt der Verfasser, man spüre, »wie
Koch, oft ungeschlacht, durchaus von dem ihn bestimmenden Eindruck in der Land-
schaft ausgeht, daß er das Gesetzmäßige in ihr sieht, auffaßt und in schwerer Weise
sich zum künstlerischen Ausdruck dieser Gesetzmäßigkeit durchringt« (S. 68). Ein
andermal (S. 88) betont er »Kochs phantasievolle Art, wie nach Jahren etwas Ge-
schautes bei ihm wirksam wird«: ein echtes Künstlerphänomen. Von Kochs Alters-
werken liest er als Gesetz ab, »daß typische Gestaltung durch eine Formel niemals
erzielt werden kann, daß zum Gestalten untrennbar gehört ein stets erneutes Um-
greifen des Stoffs von einem lebendigen Zentrum aus« (S 89). Der entgegengesetzte
Fall: »Als eigentliches Movens darf Kochs Bedürfnis gelten, dem Druck .der Formel
auszuweichen, worin sein Landschaftsgefühl zu erstarren drohte« (S. 40. Damit soll
die Hinwendung zu den wilden Formen der Natur um 1800 erklärt werden).

Unmittelbar wendet sich die Betrachtungsweise ins Psychologische, wenn der
Verfasser sein Problem: Koch und die heroische Landschaft, hineinverfolgt in die
individuelle geistige Konstitution des verehrten Meisters. Aus einer doppelten
Wurzel und nach zwei Seiten hin glaubt er Kochs heroische Landschaft erklären zu
können. Seine Kraft der Gestaltung leitet er ab von der besonderen Art seines
Kunstsinnes: »Koch hat die provinzielle Natur zur allgemeinen machen können, weil
in ihm der Kunstsinn rege war, der aufs Gültige geht und der, genährt von An-
schauung, Werke schafft von allgemeiner Bestimmtheit — nicht von allgemeiner
Flauheit...« (S. 87 f.; dazu noch S. 23 f. mit der bedeutsamen Briefstelle). Die Tat-
sache, daß Koch die Landschaft gerade heroisch auffaßte, sieht Stein begründet in
Kochs Mißtrauen gegen das Fach, wie es aus dem Worte spricht: »Wenn die Land-
schafter über die Kunst und über ihr Fach recht nachdenken, dann ists auch aus
mit der Landschafterei. Die Kunst soll eins sein, wie die Natur, und nicht iri
Fächer getrennt« (S. 87. Kochs Abneigung gegen das »Fach« in der Kunst spricht
auch aus seiner »Kunstchronik«, z.B. S. 50, 15. Ausg. Carlsruhe 1834). Die Mög-
lichkeit einer realistischen Landschaftsdarstellung ist aber, deswegen nicht als für
Koch in jedem Betracht ausgeschlossen zu denken. Im Hinblick auf das Bild
»Oberhasli« und seine Baumzeichnung betont der Verfasser geradezu: »Das Wissen
um die besondere Form hat Koch wie nur ein Realist der Zeit besessen ... er ist
ebenso naturwahr, wie sie aber charakteristischer, weil er das nicht Wesentliche aus-
zuschalten weiß (S. 76 f.). In Kochs psychischer Struktur war dem Sinn für die
Einzelbildung die Potenz die das Ganze durchwaltende und gerade das Heroische
fundamentierende Gesetzlichkeit zu fassen übergeordnet. Aber, viel mehr als beim
Denker etwa, wäre gerade beim Künstler, zumal dem, der über die nature morte
hinaus will, die psychische Struktur für sich nur ein Halbes. Sie verlangt nach der
Technik, dieses Wort nicht bloß im Sinne der Übung des Handgelenkes verstanden.
Koch selbst erklärte: »Wer die Welt, das Leben und die Natur nicht durch lange
Studien und Erfahrungen in sich verarbeitet und das Verarbeitete sich ganz pflichtig
gemacht hat, der wird .. . kein Landschaftsmaler.« Es ist das ein für jede Land-
schaftsmalerei, ob klassisch, ob impressionistisch, ob expressionistisch, für diese viel-
leicht noch ganz besonders, wertvolles Wort.

»Weil unsere Zeit wieder zur Gestalt drängt, stehen ihr Schellenberg und Koch
so nahe« (S. 106). Diese »Nähe« spürt der Beschauer nahezu körperhaft, wenn er
in der neu eingerichteten Neuen Pinakothek in München vor der Wand mit den
drei »Koch« steht: »Landschaft mit Regenbogen« (in der Mitte), »Schmadribach«
(rechts), »St. Georg« (links). Man ist geradezu betroffen von dem Eindruck, wie
loading ...