Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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242 HANS KLAIBER.

schmettern und Schwerterklang oder in der bangen Todesahnung. Ein
Streben wohnt freilich auch diesen Gefühls Vorgängen inne, das aber
nicht über ihre ideale Welt in das wirkliche Leben hinausreicht; es
ist der Drang zur Objektivierung, d. h. durch sinnlichen Ausdruck gegen-
ständlich zu werden. Dieser Produktionsdrang fehlt dem Träumer,
der sonst in der allgemeinen Richtung seines Phantasie- und Gefühls-
lebens dem Lyriker nahesteht. Auch er liebt es, statt mit tatkräftiger
Hand die Zügel seiner Gedanken und Gefühle zu führen, sich ihrem
Spiel hinzugeben, von ihrem Strom sich treiben zu lassen und auf sein
Innenleben zu horchen, aber es fehlt ihm, abgesehen von der Be-
schaffenheit seiner Gefühlserlebnisse, der künstlerische Gestaltungs-
trieb, sein Innenleben strebt nicht, nach Ribots1) treffendem Ausdruck,
sich zu materialisieren. Wir erleben wohl in träumerischen, dem prak-
tischen Leben abgekehrten Stunden lyrische Stimmungen, aber soweit
wir nicht produktive künstlerische Begabung besitzen, entbehren wir
der Fähigkeit sie in adäquater Form gegenständlich zum Ausdruck zu
bringen. Prüfen wir nun, um dem Wesen der Lyrik in der Poesie
näherzukommen, die Anwendung des Begriffes auf andere Künste.
Am wenigsten ist er in der Architektur üblich, obwohl er in der
oben gegebenen, allgemeinsten Fassung auf Baukünstler, denen die
Erzielung einer bestimmten Raumstimmung am meisten am Herzen
liegt, mit gutem Sinn anzuwenden wäre. Unter den Plastikern gibt
es Naturen von entschieden lyrischer Richtung, die man nicht nur an
der Wahl der Motive, sondern auch an Komposition und Linienführung
erkennt. Allerdings kommt der Bildhauer mit seinen Kunstmitteln über
eine allgemeine Andeutung der Stimmung nicht hinaus, wenn er uns
etwa den stillen, dem tätigen Leben entrückten Seelenzustand der
Träumerei in Haltung und Ausdruck vor Augen stellt. Die Herkunft,
die Formen des Ablaufs, die fein unterschiedenen Stufen, mannigfaltigen
Komponenten und gegenständlichen Beziehungen dieser Seelenzustände
wiederzugeben ist ihm versagt. Besser stellt sich hierin die Malerei.
Sie hat reichere Mittel zur Versinnlichung lyrischer Stimmungen in
Linie, Farbe und Licht und verwendet sie in Einzelfiguren und Gruppen-
bildern wie in der Landschaft, der wir unsere Gefühle leihen. Auch ist
sie imstande, durch Leitung unseres Blickes vermittelst der genannten
Wirkungen gewisse Beziehungen zwischen Personen oder zwischen
Personen und Dingen, Mensch und Natur anzudeuten. Durch Ver-
teilung von Licht und Schatten, Wahl und Abstufung von Färb- und Licht-
werten und Harmonien vermag sie tiefer in die Nuancen unseres Seelen-
lebens einzudringen. Aber verglichen mit den Künsten der Zeit bleibt der

') Ribot, Die Schöpferkraft der Phantasie. Deutsch von Mecklenburg, 1902.
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