Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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476 BESPRECHUNGEN.

herabzusteigen, wie es Lipps in prachtvoller Strenge und rigoroser Einseitigkeit tat,
sondern erachte es für notwendig, mit einer Wesensuntersuchung der Kunst zu be-
ginnen und dann erst zu fragen, wie sich das Verhältnis des Künstlerischen zum
Ästhetischen gestaltet. Und Volkelt ist in seiner praktischen Arbeit allen Verzwei-
gungen des Künstlerischen so liebevoll nachgegangen, daß gerade bei ihm von
einem »Zwängen« und »Hineinpressen« der Gesamtheit der Kunst unter das Ästhe-
tische nicht die Rede sein kann. Nur nimmt er meiner Ansicht nach hierbei so
viel Außerästhetisches in die Ästhetik hinein, daß es mir methodisch und systema-
tisch einwandfreier erscheint, den Gesichtspunkt der Kunstwissenschaft vorherrschen
zu lassen. Gewiß ist nicht die konkrete Welt der Erfahrung »stückweise auf ver-
schiedene, einander ausschließende Wissenschaften aufgeteilt«, aber das Zusammen-
arbeiten der einzelnen Disziplinen erfolgt um so förderlicher und reibungsloser, je
klarer und reiner Kategorien und Problematik jeder einzelnen entwickelt sind. Der
»gemäßigte Psychologismus« — den Volkelt vertritt — ist keine unübersteigbare
Scheidewand, denn ohne Psychologie wird niemals eine allgemeine Kunstwissen-
schaft ihr Auskommen finden, und ihre Gleichsetzung mit Psychologie befürworten
zu wollen, liegt ihm völlig fern. Nur stehen seiner Natur gerade die Fragen be-
sonders nahe, die enge Beziehung zur Psychologie erfordern. Und darum ver-
schieben sich auch bei Volkelt die Akzente nach dieser Seite. In dem Buch, dessen
Erscheinen zu vermelden ich hier die Freude habe, bietet Volkelt sogar rein psycho-
logische Untersuchungen, und zwar solche von hoher Bedeutung. Ja diese lebens-
vollen und fein abgetönten psychologischen Beiträge sind so wichtig und wertvoll,
daß ich den Wunsch nach einer Gesamtdarstellung der Psychologie zu äußern mir
gestatten würde, wenn ich ihn nicht selbst für unbescheiden hielte.

Abschließend erwähne ich noch, daß der erste Abschnitt die ästhetische Gegen-
ständlichkeit behandelt, das Problem der Objektivität in der Ästhetik. Drei weitere
Abschnitte sind der »Einfühlung« gewidmet, der fünfte beschäftigt sich mit der
Frage »Illusion und ästhetische Wirklichkeit«, während der sechste der »Mit-Wahr-
nehmung und Phantasie im ästhetischen Betrachten« gilt. Der letzte Abschnitt er-
örtert den Gebild-Charakter des ästhetischen Verhaltens. Die Nennung dieser
Kapitelüberschriften soll nur die an alle Ästhetiker und Psychologen gerichtete Ein-
ladung bekräftigen — obgleich dies ohnehin nicht nottut — sich recht eingehend
mit diesem Buch zu befassen, das sich ebenbürtig dem berühmten »System der
Ästhetik« anreiht.

Rostock. Emil Utitz.

Melitta Gerhard: Schiller unddie griechische Tragödie. (Forschungen

zur neueren Literaturgeschichte LIV.) Weimar, Alexander Duncker Verlag,

1919. 136 S.

Die vorliegende Arbeit untersucht die Beziehung zwischen der griechischen

Tragödie und Schiller: es handelt sich dabei nicht um Feststellen eines direkten

Einflusses, sondern einer entscheidenden mittelbaren Einwirkung, deren Gewinn für

das deutsche Schrifttum wie für das geistige Leben überhaupt in der Folgezeit

wichtig geworden ist. Wie Hellas für Schiller weniger eine eigene Wesensform

oder Bildungswelt als eine sittliche Weltanschauung war, so hat er von der Tragödie

kaum Elemente übernommen — und doch hat erst die Berührung mit ihr seinen

späteren Dramen die heroische Eigenheit ermöglicht und seinem Stilwandel die hohe

Form erleichtert. Schiller ist der griechischen Tragödie durch die tragische Grund-

stimmung verwandt: die Art der Tragik bleibt allerdings von der griechischen

grundverschieden. Er hat die Atmosphäre des Schicksalhaften und Verhängnisvollen
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