Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 24.1930

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I.

Gemeinschaft der Sinnesgebiete im schöpferischen Akt.

Von

August Schmarsow.

Meiner Mahnung an die Nachfahren, auch bei der Gesamtbehandlung
der künstlerischen Schaffensgebiete des Menschen, den organischen Zu-
sammenhang unsres Körpers nicht zu vernachlässigen und den natür-
lichen Austausch oder Wechselverkehr zwischen dessen Sinnesregionen
ernstlicher als bisher durchzuverfolgen (in dieser Zs. Bd. XXIII, S. 230),
— kann ich heute noch selbst einen Beitrag hinzufügen. Bei der Rückkehr
aus einem alten Arbeitsgebiet im Nachbarlande ist mir die Freude zuteil
geworden, eine Überraschung vorzufinden, von der noch keine Nachricht
zu mir gedrungen war. Eine langersehnte Leistung streng wissenschaft-
licher Gedankenarbeit ist daheim herausgekommen, und bestätigt meine
eifrigen Bestrebungen zugunsten der Grundbegriffe der Kunstwissenschaft
(1905) oder die Begründung der Kompositionsgesetze in der Kunst des
Mittelalters (I. 1915) von philosophischer Seite her in einem entscheiden-
den Kernpunkt. Richard Hönigswald hat in seinen „Wissenschaftlichen
Grundfragen" als Abhandlung V. „eine analytische Betrachtung über den
Begriff der Psychologie" geliefert, die als Paradeigma „Vom Problem des
Rhythmus" ausgeht (Leipzig 1926).

Während ich von Italien aus „Vom Organismus unsrer Kunstwelt"
schrieb, hatte ich, der klärenden Zweiteilung zuliebe, die beiden Kanti-
schen Anschauungsformen als gegeben hingenommen und die Versuche
zu ihrer genetischen Erklärung vorzudringen ruhig beiseite gelassen.
Aber es waren auch andre Anläufe, die Unterscheidung der großen frei
schaffenden Künste zunächst auf die menschlichen Sinnesorgane zu grün-
den, zurückgeschoben worden, obgleich der Feldzug Konrad Fiedlers
und seiner Freunde zur Verfechtung einer Kunsttheorie der reinen
Sichtbarkeit (Leipzig 1896), dem auch Benedetto Croce (1911) einen
kritischen Aufsatz gewidmet hat, gewiß nicht der Vergessenheit anheim-
gefallen ist. Unter unsern äußerlich hervortretenden Sinnesorganen ge-
stehen wir ja „Augen und Ohr" einen berechtigten Vorrang zu, so daß
wir uns nicht wundern dürfen, dort vom ausschließlichen „Augenmen-

Zcitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XXIV.

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