Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 24.1930

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Bemerkungen.

Die phantastische Literatur.

Eine literarästhetische Untersuchung.
Von

Hans-Joachim Flechtner.

Die phantastische Literatur im eigentlichen Sinne ist eine Erscheinung unserer
Zeit. In keiner Epoche der Literaturgeschichte rindet sich ein derartiges Übermaß
von Phantastik wie in der heutigen. Die Gründe für diese Tatsache sollen hier
nicht untersucht werden, so interessant sie an sich sind, und so sehr gerade sie die
Struktur der geistigen Kultur der Gegenwart beleuchten. Unsere Aufgabe ist hier
die sachliche Analyse des Phänomens. Die Eigenart dieser Richtung bringt es mit
sich, daß sich die Untersuchung auf die Gegenwart beschränkt, wenn auch natürlich
einzelne Vertreter früherer Zeiten als Beispiele herangezogen werden müssen. Ebenso
ist eine zweite Einschränkung aus sachlichen Gründen gestattet: Die phantastische
Literatur in der besonderen Form, die sie in der Gegenwart gefunden hat, zeigt
sich am deutlichsten auf dem Gebiet der erzählenden Prosa: Roman und Novelle
sind als eigentliche Vertreter dieser Richtung anzusprechen.

I.

Unsere erste Aufgabe wird naturgemäß sein, daß wir die phantastische Lite-
ratur vorläufig abgrenzen und bestimmen. Der Begriff des Phantastischen selbst
verlangt wohl keine nähere Erläuterung, kann vielmehr in seiner allgemeinen und
unbestimmten Bedeutung als bekannt vorausgesetzt werden. Was haben wir also
unter phantastischer Literatur zu verstehen? Welches Kriterium gibt es für eine
Unterscheidung im Gebiete der Dichtkunst, deren einer Teil sich als phantastische
Literatur erweisen kann?

Der erste Blick auf den Begriff lehrt uns bereits, daß es sich sicherlich nicht
um ein Formproblem im allgemeinen handelt Selbst die ausschweifendsten Form-
experimente, wie z. B. die Stammelorgien der Dadaisten, werden wir nie als phan-
tastische Dichtung ansprechen. Das Merkmal, das ein Werk zur Phantastik rechnen
läßt, findet sich im Inhaltlichen dieses Werkes. Die Form (sprachliche und dis-
positionelle Gestaltung) ist nicht wesensbestimmend für unseren Begriff. Wesent-
lich und konstituierend vielmehr ist der Inhalt, das Etwas, das künstlerisch ge-
formt wird, das Stoffliche.

Diesen Inhalt an sich müssen wir aber für unsere Aufgabe noch näher be-
stimmen. Der naive Leser fragt bei der Lektüre eines Buches nach der Wirklichkeit
des Dargestellten: „Gibt es denn so etwas?" Es ist natürlich einleuchtend, daß
das Dargestellte an sich niemals wirklich ist, höchstens, wie in den extremsten Ge-
staltungen des Naturalismus, das Vorbild. Wirklich ist das Kunstwerk, aber nicht
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