Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 24.1930

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Der poetische Wertmaßstab Gustave Flauberts

Von
Robert Glanz

III. Abschnitt: Der poetische Wertmaßstab des
reifen Flaubert

(Schluß.)
I.

Zwei Prinzipien hat Flaubert aus dem System der zweiten Phase in
die Kunstanschauung seiner Reife hinübergerettet.

Erstens das Prädikationsprinzip: „... plus l'expression
se rapproche de la pensee, plus le mot colle dessus et disparait, plus c'est
beau" (Co. II, 345). „J'en concois un, moi, un style: un style qui serait
beau ... et qui serait ... precis comme le langage des sciences ..., un
style qui vous entrerait dans l'idee comme un coup de stylet, et oü votre
pensee enfin voguerait sur des surfaces lisses, comme lorsqu'on file dans
un canot avec bon vent arriere." (Co. II, 399.) „... je suis souvent plu-
sieurs heures ä chercher un mot ..." (Co. II, 412.) „J'ai peur qu'ä force
d'avoir de ce fameux goüt, je n'en arrive ä ne plus pouvoir ecrire, tous les
mots maintenant me semblent ä cöte de la pensee." (Co. III, 95.) Mit
welcher Meisterschaft der reife Flaubert die Kunst der Wortgebung be-
herrschte, zeigt jede Seite seiner Werke.

Das zweite Prinzip, das er aus der Kunstanschauung der zweiten
Phase in diejenige seiner Reife hinübernahm, ist das Prinzip des
Wohllauts: „... la phrase de la meilleure intention rate son effet,
des qu'il s'y trouve une assonance ..." (Co. IV, 27.) „Quand je decouvre
une mauvaise assonance ..., je suis sür que je patauge dans le faux."
(O. XI, 251.) Weitere derartige Äußerungen anzuführen oder gar an
Beispielen zu zeigen, daß und in welch erstaunlich hohem Grad Flaubert
in seinem Schaffen der Forderung wohllautender Sprachgestaltung ent-
spricht, ist überflüssig. Alles das ist ja zur Genüge bekannt: jedermann
weiß, welch große Bedeutung der reife Flaubert dieser Forderung zumaß.

Ganz und gar verfehlt aber wäre die Annahme, der reife Flaubert
habe in Urteilen über das Zustandekommen oder Ausbleiben der Befrie-

Zeitschr. für Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XXIV. 18
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