Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 24.1930

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In die hier behandelte Kategorie gehören alle Werke, bei denen die Darstellung
einer phantastischen Idee die Hauptsache ist, bei der das „Dichterische" nur Rah-
men und Beiwerk sein kann. Dieses Moment ist gerade für die heutige Phantastik
so überaus bezeichnend, daß man auf diesem Moment allein die Unterscheidung
aufbauen könnte. Die Bewegung erinnert hier an die Richtung psychologischer Pro-
blemschriften und Dichtungen des Realismus, in denen auch die Idee herrschend war.
An sich ist die Parallele zum Expressionismus allerdings stärker. Die Schwer-
punktsverlegung aus dem einzelnen Menschen in eine übergeordnete Einheit, heiße
sie nun Menschheit, All oder wie immer, ist der ganzen Periode ja gemeinsam.

Erwähnt sei noch, daß neben dem Roman auch das Drama solche phanta-
stischen Werke aufzuweisen hat. Ich erinnere vor allem an Öapeks „W. U. R.", auch
die Dramen Georg Kaisers, so vor allem „Gas I und II" gehören zu der phantasti-
schen, und zwar zur tendenziösen Richtung.

Die Welle der phantastischen Literatur ist augenblicklich im Abfluten. Die
Ideen, die „in der Luft lagen", sind bearbeitet. So entsteht diese Ruhe der Ermat-
tung. Zwei Möglichkeiten können aber die Welle wieder von neuem emporbranden
lassen. Erstens neue wissenschaftliche Entdeckungen und Ergebnisse, die an sich
schon zur romanhaften Ausgestaltung geeignet sind, die aber vor allem Stoff für
weitere Prophezeiungen geben. Auf diesen werden sich dann wieder neue Werke
erheben, wieder wird der Menschengeist seiner Zeit vorauseilen, wird er ver-
suchen, in der Phantasie die Entwicklung vorwegzunehmen. Die zweite Bedingung-
aber für ein neues Anwachsen der phantastischen Literatur ist die Wiederaufnahme-
fähigkeit des Publikums, das augenblicklich mit dieser Art Literatur übersättigt ist.

Die Bedeutung der phantastischen Literatur für das dichterische Schaffen der
Gegenwart wie überhaupt für die literarische Kultur der heutigen Zeit kann hier
nicht näher untersucht werden. Man darf aber überzeugt sein, daß ihr Einfluß
nicht so schlecht ist, wie manche glauben wollen, daß sie nicht ganz so schädlich
ist, wie man zu beweisen sucht. Zweifellos läuft der Hang zur Phantastik parallel
der Vorliebe für Kino und Detektivstücke, er bezeichnet sicherlich nicht gerade einen
Höhepunkt künstlerischer Kultur unseres Volkes. Aber versucht man, die Be-
wegung aus der Zeitströmung selbst zu verstehen, so wird man sein Urteil etwas
mildern — und versucht man endlich, aus dem unendlichen Wust des Vorliegenden
das wenige Gute herauszusuchen, dann wird man den rechten Maßstab für die Be-
wegung selbst rinden.

Über die Assoziationsmagie in der modernen Lyrik.

Von

Joachim v. Heimerseil.

Betrachten wir den gültigen Bestand der deutschen Lyrik nicht so sehr auf Ge-
schichte, Neubildung und Handhabung der allgemeinen Form, der metrischen und
Reimtechnik hin, vielmehr hinsichtlich der nicht minder wichtigen Verknüpfung von
Wort zu Wort, der logisch poetischen Vorstellungsabfolge und des psychologischen
Prozesses, der mittels Erinnerung, Bildung, Gefühl, Gedanklichkeit und Musikalität
das chiffrierte Kunstgebilde wieder in die lebendige Blutbahn des Empfangenden
hinein auflöst, so fühlen wir uns zu einer Analyse auch dieser kleinen und kleinsten
Bausteine des dichterischen Schöpfungsvorganges gedrängt. Zwei Disziplinen (ent-
sprechend dem Bezirk, aus dem das Wort an und für sich kommt, und dem anderen,
in welchen es als dichterisches weiterdeutet —) übernahmen bislang, jede für sich und
mit absolutem Lösungsanspruch der Aufgabe, diese Analyse: Die Psychologie einer-
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