Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 24.1930

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Der poetische Wertmaßstab Gustave Flauberts

Von
Robert Glanz

Einleitung

Klarheit zu gewinnen über die Grundgesetze dichtkünstlerischen
Schaffens, die Forderungen zu bestimmen, in deren Erfüllung der Kunst-
wert einer Dichtung einzig besteht, das ist das Ziel der vorliegenden Ar-
beit. Sie will dieses Ziel erreichen auf dem Weg einer kritischen Analyse
des poetischen Wertmaßstabes Gustave Flauberts.

Nicht ausschließlich aus kunsttheoretischen Überlegungen Flauberts
sucht sie diesen Wertmaßstab zu erfassen. Denn mindestens ebenso deut-
lich wie in ästhetischen Theorienbildungen — ja, in der Regel weit deut-
licher und untrüglicher noch — offenbart ein Dichter seinen künstlerischen
Wertbegriff, sei es bewußt oder unbewußt, in seinem Schaffen und in
seiner K r i t i k : in den Urteilen, die er, gestützt auf diesen Begriff, über
poetische Schöpfungen fällt und in den Gestaltungen, in welchen er ihn
zu verwirklichen trachtet.

Das Schön und Häßlich Gustave Flauberts ist in verschiedenen Zeit-
spannen seines Lebens durchaus nicht dasselbe gewesen. Die dichtkünst-
lerische Norm des Achtzehnjährigen und die des Fünfundzwanzigjäh-
rigen z. B. haben, wie wir sehen werden, nichts miteinander gemein; und
beide unterscheiden sich wiederum wesentlich von derjenigen des Meisters
der „Madame Bovary". Diese Entwickelung des poetischen Wert-
maßstabes Gustave Flauberts vollzog sich in drei Phasen. Kein fried-
liches Wachsen ist sie gewesen, kein beruhigtes Entfalten, sondern ein er-
bittertes, immer wieder aufgenommenes Ringen um Vollendung, ein
langwieriges, inbrünstiges, zuweilen auch wohl verzweifelndes Antwort-
suchen auf die Frage, die für diesen Menschen nun einmal die dringlichste
aller Fragen bedeutet, die Frage nach dem wahren Wesen der Schönheit.
Doch dieses Antwortsuchen und dieses Ringen machte den engen, reißen-
den, trüben Bach seiner Jugendwerke zum reinen, tiefen, gewaltigen
Strom seines reifen Schaffens; es führte Flaubert von Befriedigungen
künstlerisch belangloser Begierden auf die Höhe einer durch begriffliche
Klärung und — weit mehr noch — durch Verfeinerung seines ästhetischen

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