Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 24.1930

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WALTER BATHGE.

Erhabene rächt, aber trotz der ausgesprochen theologischen Tendenz sei-
nes Buches hat er der Ästhetik insofern in die Hände gearbeitet, als er
das Numinose fast ausschließlich in ästhetischer Bindung, vor allem in
seiner sprachlich-künstlerischen Gestaltung untersucht hat. Eine gewisse
sachliche Notwendigkeit lag hierbei freilich deshalb vor, weil das Ge-
fühl — vage und unbestimmt, dazu um so rascher schwindend, je mehr
wir es in den Blickpunkt unseres Bewußtseins rücken wollen — durch
die Kunst allein eine gewisse Bindung, eine zur Allgemeingültigkeit stre-
bende Objektivierung erfahren kann1), die sodann ein wissenschaftliches
Festlegen erleichtert. Für dieses wiederum liegt das methodische Pro-
blem darin, in der begrifflichen Fassung das Irrational-Schwebende zu
erhalten, in der theoretischen Form den atheoretischen Gehalt zu be-
wahren. Otto erreicht dies dadurch, daß er es vermeidet Begriffe zu
prägen, die den Gegenstand aufs Ziel nehmen wie der Schütze das
Schwarze auf der Scheibe, da die hierbei vorgenommene Rationalisierung
das Gefühl entschwinden läßt, ehe wir es festgelegt haben. Er sucht viel-
mehr seinen Gegenstand einzufangen, indem er ein Netz von Begriffen
um ihn legt, wobei jeder einzelne Begriff dann als Schema dient, welches
die Übertragung von der Sphäre des Gefühls auf die des Verstandes aus-
drückt. Worte haben hierbei als „Deutezeichen" und „Ideogramme" zu
dienen, um im Leser das „zum Gefühl zu bringen", was wir selber füh-
len. Dem an mathematische Begriffsschärfe Gewöhnten mögen derartige
Erörterungen häufig vage erscheinen, trotzdem stehen wir hier nach Otto
vor einer bestimmten Aufgabe, bei der Erfassung des Numinosen „in
möglichst nahekommender ideogrammatischer Bezeichnung seine Mo-
mente so fest zu legen wie möglich und auf diese Weise das, was in
schwankender Erscheinung bloßen Gefühles schwebte, zu festigen mit
dauernden ,Zeichen', um so zu Eindeutigkeit und Allgemeingültigkeit der
Erörterung zu kommen und strenge ,Lehre' zu bilden, die objektive Gültig-
keit beansprucht und feste Fügung hat, auch wenn sie statt mit adäquaten
Begriffen nur mit Begriffssymbolen arbeitet. Es gilt, das Irrationale
nicht zu rationalisieren, was unmöglich ist, wohl aber einzufangen und
dadurch dem ,Irrationalismus' schwärmender Willkürrede durch ge-

den Zutritt rationaler Begriffe sowie anderer Entsprechungen, wie dem Erhabenen
ausgestaltet zu der „satten und vollen Komplex-Kategorie des Heiligen selbst im
Vollsinne". Hier dürfte zutreffender sein, auch das Heilige schon rein als Gefühls-
typ zu erfassen, dem Numinosen gegenüber eben charakterisiert durch eine in der
Gefühlssphäre bleibende Ethisierung.

!) Vgl. O. Baensch, Kunst und Gefühl. Logos XII. 1923. Hier wird der Kunst
die Aufgabe zuerteilt, den Gefühlsgehalt der Welt zu allgemeingültigem Bewußtsein
zu erheben. Da wir aber als Vertreter der Ästhetik diese Allgemeingültigkeit nicht
durch künstlerisches Gestalten noch allein durch ästhetisches Genießen bekunden
wollen, sondern sie in der Sprache der Wissenschaft auszudrücken haben, ergeben
sich oben berührte Schwierigkeiten.
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