Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 25.1931

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BESPRECHUNGEN.

digen tragisch-ironischen Beispiel eines einzelnen empfindlich; vor allem durch das
hinzutretende, uns Heutige so seltsam pedantisch anmutende Lob Winckelmanns:
„Der Inbegriff aller beschriebenen Schönheiten in den Figuren der Alten findet sich
in den unsterblichen Werken des Herrn Anton Raphael Mengs ... Er ist als ein
Phönix gleichsam aus der Asche des ersten Raphaels erweckt worden, um der Welt
in der Kunst die Schönheit zu lehren, und den höchsten Flug menschlicher Kräfte
in derselben zu erreichen."

Ein Hinweis auf die hinter solcher Begrenzung und Verkennung verborgene
wahrere, tiefere Schau Winckelmanns vom Ewig-griechischen beschließt das Buch.
Indem der seltene Mann sein inneres Gesicht, das er in den spärlichen antiken
Trümmerbesitz seiner Zeit eher hineinsah als in ihm vorfand und mit hymnischen
Worten dem fast gleichzeitig durch Rousseau auf das Einfach-Natürliche hingewie-
senen Jahrhundert vortrug, verpflichtete er dieses zu einer ungemeinen Erbschaft,
die erst der spätere romantische Klassizismus zu erwerben wußte, um sie in den
Dichtungen Goethes und Hölderlins, zur engsten und reinsten Vereinigung grie-
chischen und deutschen Wesens hinaufgeläutert, wahrhaft zu besitzen.

Berlin. P. O. Rave.

Rudolf Odebrecht, Gefühl und Ganzheit. Der Ideengehalt der Psy-
chologie Felix Kruegers. Junker & Dünnhaupt Verlag, Berlin 1929.
Da die Fachwissenschaft nur langsam Felix Kruegers Bedeutung anerkennt,
fühlt Odebrecht sich berufen, Zeugnis abzulegen und versucht, auf knapp 40 Seiten
Bild und Bedeutung dieser Lehre aufzuzeigen. Odebrecht umreißt zunächst mit
wenigen Zügen Kruegers Theorie vom Wesen der Gefühle. Er führt uns das We-
sen der grundlegenden Begriffe vor Augen und zeigt vor allem, wie Krueger die
bisher von der Wissenschaft nur gering bewerteten Gefühle in ihrem ungeheuren
„Qualitätenreichtum" und ihrer „bewußtseinerfüllenden Breite" in den Brennpunkt
der Betrachtung stellt. Diese bestimmen alles seelische Geschehen und bilden
Dauergeformtheiten: Strukturen, ohne die das seelische Leben nie ernstlich zu er-
fassen ist. Wenn Krueger sagt, der Strukturbegriff sei „denkend" dem Seelischen
zugrunde zu legen, so weist Odebrecht ganz in Kruegers Sinne darauf hin, daß
seelische Ganzheit und Struktur sich jedem alltäglich und unmittelbar offenbart, der
„unvoreingenommen dem nachhorcht, was im eigenen Innern sich ereignet". Nicht
um die oberflächlichen, leicht anklingenden Gefühlchen und Erregungen handelt
es sich hier, sondern um Erlebnisse, die Krueger Tiefengefühle genannt hat: tief
in der Eigenart des Individuums begründete polare Spannungen, die der Seele
größte Weite und fruchtbarste Möglichkeiten verleihen. Gerade hierin erweist sich
Kruegers wurzelhafte Echtheit, er ist gewachsen aus der Tiefe deutschen Wesens.

Im zweiten Teil seiner Schrift will Odebrecht den wissenschaftstheoretischen
und metaphysischen Gehalt der Kruegerschen Lehre aufzeigen und rühmt ihr
Lebensnähe, Auseinandersetzung mit der Lebenswirklichkeit, mit den Kernfragen
unserer Kultur nach. Doch dies ist Voraussetzung aller modernen Wissenschaft,
während Kruegers Lehre bahnbrechend ist, Richtung weist und Ziele setzt. Zu der
heutiger Wissenschaft aufgegebenen Erweiterung der Logik zu einer Psychologik
bereitet gerade auch Kruegers Leipziger Schule Wege und Grundlagen, ausgehend
von der lebendigen Gewißheit: das Ederen ist das allein unbezweifelbar Gewisse
und: das Schöpferische ist Grundfunktion der Seele. — Ethik und Ästhetik erhalten
wieder ihren tiefen Sinn. Ethisches Ideal ist: „bei Auseinandersetzung mit dem
Leben in möglichst hohem Maße ein wertender Mensch zu sein" ■— gegründet
auf den Strukturen der Seele. Diese aber organisch wachsen zu lassen und zu
vertiefen, ist nichts befähigter als das in sich geschlossene Kunstwerk und die
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