Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 25.1931

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BESPRECHUNGEN.

sich der schmerzlichen Erkenntnis nicht verschließen, daß in ihm der Künstler
größer war als der Mensch: „Sein einzig ausgebildetes Offenbarungsorgan ist die
künstlerische Hand, und sein Geist und Gemüt geht auf in der künstlerischen
Empfindung. — Forderungen an ihn als Menschen sind nicht statthaft..." (Brief
vom 18. III. 1866 an J. Allgeyer; z. v. Brief vom 9. II. 1869, vom 16. I. 1880
[letztere an K. Fiedler]). — Daß es auf Feuerbachs Bildern nicht das sonnige
Licht gibt (S. 264), trifft nicht zu bei den Wasserfall-Bildern von 1855 (im Kata-
logwerk von Uhde-Bernays [1929] Abb. 112, 113).

München. Georg Schwaiger.

Friedrich Grave, Marktzauber. Die Erlösung vom Zweck. Ein philo-
sophisches Gespräch. Diederichs, Jena 1929. 209 S.

Das System Graves — denn mit einem System und allen Ansprüchen eines
solchen haben wir es unerachtet der dialogischen Form zu tun — läßt sich in
der Sprache einer schematischen Topologie bezeichnen als Verbindung einer der
romantischen Naturphilosophie verwandten Metaphysik mit einem betont idealisti-
schen Ethos. Dieser zweite Bestandteil tritt energisch hervor und unterscheidet das
vorliegende Buch in sympathischer Weise von der modisch-literarischen Liebäugelei
mit dem Trieb. Dieser Versuch, die kathartischen Vorgänge im Triebleben zu
deuten und zu rechtfertigen, trennt sehr scharf zwischen einem schlaffen „Zigeuner-
tum", der Befreiung vom Zweck sozusagen „nach unten", und der echten meta-
physischen Freiheit des „Loslassens". Hier redet nicht ein „chthonischer" Geist
zu uns, sondern im Gegenteil ein Denker, dem das Konkrete überall schnell, viel-
leicht zu schnell, auf die Idee hin durchscheinend wird.

G. teilt die Äußerungsweisen des Menschen in drei Hauptklassen: in die
triebmäßigen (sinnlichen), die zweckhaften (verständigen) und die sittlichen (ver-
nunftmäßigen). Dieser Struktur der Innenwelt entspricht eine genetische Schich-
tung der Außenwelt derart, daß die menschliche Äußerung innerhalb einer Klasse
zugleich „Durchdringung" mit der entsprechenden Weltschicht bedeutet. So sind
die kathartischen Vorgänge des Trieblebens eine Durchströmung mit „Welt-
atmosphäre", vergleichbar der Atmung des organischen Körpers. Dieses kathar-
tische Atmen ist die notwendige Unterbrechung des zweckgebundenen Tuns, der
Arbeit; und umgekehrt hat die Arbeit ihren (unbewußten) Sinn darin, daß sie das
kathartische Vergnügen ermöglicht. G. unterscheidet dann zwei Formen der
Katharsis: die einseitig kathartischen Vorgänge, bei denen alle Beteiligten zugleich
Handelnde und Genießende sind (Jahrmarkt); und die höhere, genetisch spätere,
zweiseitige Form, die Schöpfer und Aufnehmende trennt (Kunst, Wissenschaft).
Kunst und Wissenschaft müssen es sich also gefallen lassen, in der Triebzone
lokalisiert und als „Vergnügen" in den „Kreislauf von Arbeit und Vergnügen"
eingesperrt zu werden — als „Minute des Lächelns" die Entsprechung der „Minute
des Seufzens"! Anders die Philosophie. Sie hat Zugang zu der metaphysischen
Region, in der sich das sittliche Wollen als menschenverbindende Liebe auswirkt
und in der der Mensch durch Überwindung der Natur „göttlich" wird. Für diese
letzte Freiheit wird die zweckhafte Arbeit ein „höheres Spiel", das sich zu dem
Metaphysischen so verhält, wie die triebhafte Katharsis zur Arbeit.

Der Verfasser hat auf die den Leser führende Straffheit systematischer Ent-
wicklung zugunsten der Dialogform verzichtet. Der „Doktor" seines Gesprächs ist
unverhohlenermaßen der Verfasser selbst, „Maria", die Partnerin, gewissermaßen
die Grenze seiner Philosophie nach dem Chaotischen und nach dem Göttlichen hin.
Der Doktor behält recht, aber er mißversteht dennoch: er denkt an die Idee von
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