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Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 25.1931

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Kuhn, Helmut: Die Geschichtlichkeit der Kunst
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https://doi.org/10.11588/diglit.14174#0224
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210

HELMUT KUHN.

nung-werden-können ist die absolute Grenze ihrer inneren Möglichkeiten.
Sie ist also formgleich mit der sichtbaren, hörbaren Außenwelt. Darüber
hinaus ist die Kunst welthaltig. Als darstellende Kunst gibt sie ein ge-
formtes Abbild der Welt. Aber diese „Welt" in der Weltartigkeit ihrer
Phänomenalität und in der Welthaltigkeit ihrer Darstellung ist eine „Men-
schenwelt". Die Sichtbarkeit der Kunst ist eine empfundene, ausdrückende,
eine, wenn ich so sagen darf, verinnerlichte Äußerlichkeit. Die Abbild-
lichkeit der Kunst, auch noch in der objektiven Form malerischer oder
dichterischer Schilderung, gibt doch nur die für den Menschen seiende
Welt, seine Erlebniswelt. Ihre Landschaften sind Seelenlandschaften; und
noch wo sie das An-sich der Welt in ihrer Beziehungslosigkeit zum Men-
schen wiedergeben will, drückt sie doch nur die Beziehung zum Menschen
aus: nicht das An-sich der Welt, sondern die Strenge oder das Grauen
ihrer Fremdheit. Beim weiteren Verfolgen dieser Gedanken kämen wir
vielleicht zu dem Ergebnis, daß gerade die Kunst das Dokument der
tiefsten Weltverflochtenheit des Menschen ist. Und schon die Möglich-
keit eines solchen Ergebnisses wird uns zur Bestätigung des eigentüm-
lichen Sachverhaltes, von dem wir ausgingen: Wir versuchen zu sagen,
was Kunst sei — und wir müssen in dieser Aussage über den Menschen
aussagen, der in seinem Mensch-sein sich die Kunst erschaffen hat.

Im Sinne also dieses Wechselverhältnisses möchte ich nach der „Ge-
schichtlichkeit der Kunst" fragen. Meine Frage betrifft demnach nicht
die Geschichte, sofern in ihr Kunst vorkommt — nicht die Kunst, sofern
ihr etwas Geschichtliches als Mal der jeweiligen Herkunft anhängt. Un-
sere Frage geht auf das Wesen der Kunst, um in ihm einen Wesenszug
des menschlichen Daseins durchscheinend zu machen. Wir fragen, wie
sich in der Kunst ein Grundcharakter dieses Daseins, seine Geschichtlich-
keit, ausspricht. Oder umgekehrt: wie die Kunst gerade durch die ihr
eigentümliche Geschichtlichkeit ihre funktionelle Verflochtenheit mit dem
Dasein erweist.

Bei einer ersten Übersicht stößt der Versuch, die Beziehung der
Kunst zur Geschichte aufzuhellen, auf einen Widerspruch. Einerseits
nämlich erscheint die Kunst als das Geschichtsüberlegene: als die gegrün-
dete Form jenseits des Wandels, als Monument des Geistes, der aller ge-
schichtlichen Vergängnis Trotz bietet, darüber hinaus — in einer ästheti-
zistischen Theorie — als die Rettung aus den leidvollen Verpflichtungen
der Geschichte. Das Geschichtliche an der Kunst wäre dann nur Bei-
werk, der Erdenrest eines zeitbedingten Kostüms, sie selbst aber un-
geschichtlich oder übergeschichtlich. Unsere Fragestellung wäre dann
als solche verfehlt.

Auf der anderen Seite zeigt sich die tiefe Verpflichtung der Kunst
gegenüber der Geschichte. Man kann, skeptisch gegen die Übergeschicht-
 
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