Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 26.1932

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Bemerkungen.

Zur Ästhetik.

Von Julius Bahnsen.

Manuskript („Lauenburg-, den 30. November 1869") im Besitz der Bahnsen'schen
Erben; erste autorisierte Veröffentlichung in dieser Zeitschrift*).

Um das Problem der Ästhetik zu erkennen, bedürfte es zunächst einer induk-
tiven Zusammenstellung aller derjenigen Klassen von Tatsachen, bei welchen wir
uns bewußt sind, uns ästhetisch zu verhalten. Denn das sagt uns bereits ein anti-
zipierendes Gefühl, daß es gewisse Eigentümlichkeiten sowohl am betrachtenden
Subjekt, wie am betrachteten Objekt sind, worin das unterscheidende Wesen des
Gegenstandes der Ästhetik, als der Wissenschaft einerseits von einer besonderen
Art und Weise der Anschauung, andererseits von spezifisch gearteten Objekten,
bestehen muß. — Leicht erkennen wir vorläufig auch, daß es sich beim ästhetischen
Verhalten nicht — wie beim wissenschaftlichen Beobachten — um den Zweck han-
delt, eine Einsicht zu gewinnen in das Wesen der Dinge, und mit jederlei prak-
tischen Absicht ist auch jederlei Mühe und Arbeit verbannt vom ästhetischen Felde,
denn nur da ist das ästhetische Verhalten rein, wo es sich selber als ein reines
Genießen, als ein freies Spiel, wie Schiller sagt, empfindet. Und von der anderen
Seite her ist, was sich darbietet, eine freie Gabe, ein Gnadengeschenk, das sich
niemand abzwingen läßt „mit Klammern und mit Schrauben". —

Der Gegenstand des ästhetischen Verhaltens duldet kein belauerndes Obser-
vieren und schließt jeden anderen Zweck aus als den, in ruhiger Kontemplation
geschaut zu werden; es hinterläßt keinen Niederschlag des Wissens, es wirkt wohl
fort in der Erinnerung des Gemüts, aber nicht in der Abstraktion des Gedächt-
nisses — denn wo dieses sich eines an sich ästhetischen Objekts bemächtigt, da
ist dasselbe eo ipso seiner rein ästhetischen Natur entkleidet und ein Gegenstand
der Reflexion, der Kritik, der Wissenschaft geworden.

Für diese Eigenart des ästhetischen Wesens ist seit Kant der Ausdruck „Inter-
esselosigkeit" verbreitet, und der Kantianer Schopenhauer spricht in gleichem Sinne
vom „reinen Subjekt". Aber der nämliche Schopenhauer scheint plötzlich mit
seinem Antipoden Hegel auf demselben Acker zu pflügen, wenn er diesem „reinen
Subjekt" ein Korrelat zuteilt in der „platonischen Idee". Denn wie er sich auch
drehen und wenden mag: diese „Idee" bekommt bei ihm eine zweideutige Doppel-
existenz, vermöge deren sie auf der einen Seite der Dianoiologie angehört und

*) Julius Bahnsen ist am 7. Dezember 1881 gestorben. Der vorliegende Auf-
satz ist im Jahre 1869 entstanden. Für die Stellung des Aufsatzes in Bahnsens
System vergleiche man die Einführung zu Bahnsens Buch „Das Tragische als Welt-
gesetz und der Humor als ästhetische Gestalt des Metaphysischen", neu heraus-
gegeben von Anselm Ruest, Leipzig 1931, Barth, S. VIII f.
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