Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 26.1932

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BEMERKUNGEN.

sich dabei trotz mancher störenden Einflüsse eine im ganzen durchlaufende Zu-
ordnung beiderseitiger Merkmale ergeben hat. Diese Zuordnung hat sich nicht allein
bei der hier dargestellten Versuchsreihe gezeigt, sondern auch dort, wo nicht Studen-
ten der Philologie, sondern Bühnenkünstler oder Personen, die sich weder künst-
lerisch noch wissenschaftlich mit Dichtungen zu beschäftigen pflegen, zur Unter-
suchung herangezogen wurden.

Alle diese Versuche hatten aber doch nur die Aufgabe, typische Auftassungs-
und Sprechweisen zu ermitteln. Die Unterscheidung einer subjektiven und einer ob-
jektiven Gruppe unter den Auffassungsweisen fällt aber an sich noch keineswegs
mit dem Gegensatze subjektiver und objektiver Sprechkunst zusammen. Ein An-
gehöriger der logischen Gruppe kann sehr wohl eine Dichtung verfehlen, deren ob-
jektiv richtige Wiedergabe subjektives Gefühl erfordert. Im allgemeinen kann frei-
lich gesagt werden, daß die Veranlagung des subjektiven Gefühlstypus am leich-
testen vom Kunstwerke hinwegführt, während die der objektiven Gruppe wenigstens
bestimmte Seiten des Kunstwerkes erfassen läßt. Die Fähigkeit zu objektiver Sprech-
kunst wird letzten Endes aber doch erst durch eine Funktion höherer Art verbürgt,
die — gestützt auf reiche Apperzeptionsmöglichkeiten — den objektiven Gehalt
einer Dichtung unabhängig von einseitigen Auffassungstendenzen zu erkennen ver-
mag und zugleich über genügend Ausdrucksmöglichkeiten gebietet, um diesem ob-
jektiven Gehalte auch in der künstlerischen Wiedergabe gerecht zu werden.
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