Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 26.1932

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Gesellschaft für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft.

Veranstaltungen der Berliner Ortsgruppe
im Winter 1931/32 und im Sommer 193 2.

Vor Beginn der üblichen allmonatlichen Vorträge fand im Winter-Halbjahr
1931, am Freitag, dem 13. November, als Sonderveranstaltung ein Diskussions-
abend über „Soziologie der Kunst" statt. Er wurde eingeleitet durch Dr. Werner
Ziegenfuß, der nach einer Charakterisierung der Gefahren des theoretischen
und praktischen „Soziologismus", das heißt des Übergreifens der Soziologie in
Gebiete von selbständigem Sinn und eigener Geltung, zur Beantwortung der beiden
Fragen schritt: 1. wie entspringt und verwirklicht sich die Kunst im sozialen
Leben, 2. wie spricht sich eine Gemeinschaftsgesinnung in der Kunst aus? Künst-
lerisches Schaffen entfaltet sich im menschlichen Zusammenleben in dreifacher
Weise, als primitive Kunst, als volkstümliche Kunst, und als Künstlerkunst im
Rahmen der Gesellschaft. Kunst bedeutet hier jedesmal ein anderes, und die Art,
in der der Gemeinschaftsgeist ins Kunstwerk eingeht, ist typisch verschieden. Die
Totemplastik symbolisiert den Sinn der Gruppe, das Volkslied begleitet das Leben
der Gruppe und deutet ihr gemeinsames Schicksal, die gesellschaftliche Kunst
wendet sich an die „Menschheit" und sieht sie wesentlich im kultivierten Einzelnen
verwirklicht. Das Kunstwerk geht also — systematisch betrachtet, nicht im Sinne
eines historischen Prozesses — den Weg fortschreitender Objektivierung, Isolie-
rung und Individualisierung. Aus diesen drei Momenten versteht sich die gegen-
wärtige Krise der Kunst. Der Abstand zwischen Kunstwerk und Menschen, der
Grad der Herauslösung des Kunstwerks aus den Gemeinschaftsbindungen ist heute
ungeheuer groß. Diese Erkenntnis führt zu dem Bemühen, das Kunstwerk sozial
wirklich — und damit wirksam — zu erhalten, indem man es unter bestimmte
Ideen stellt, wie heroisch, human, sozial, national. Mögliche Mittel, um eine
Verwurzelung der Kunst im Volk zu erzielen, sieht Dr. Ziegenfuß im Schaffen von
echter Tendenzkunst und von Gruppenkunst, und in der Beförderung einer Renais-
sance des Dilettantismus. — Professor Schering behandelte den Gegenstand
durch Entwicklung einer möglichen Musiksoziologie. Er geht aus von der Voraus-
setzung, daß die Kunst immer vor Künstler und Kunstgemeinschaft dagewesen
ist, und daß man die soziologischen Grundtatsachen ableiten müsse aus dem phä-
nomenologischen Charakter der Musik. Er kommt dabei zu folgendem Entwurf.

1. Kapitel 1: Bindende Elementarkräfte der Musik, a) sinnliche: 1. Rhythmus,

2. Klang, 3. Melodie, Ausdruck und Ethos (im Dienst der Affekte stehend), 4. Har-
monie, Tonsystem und Tonleiter; hier entspringen die Beziehungen zwischen Musik
und menschlicher Gesellschaft; b) geistige. — Kapitel 2: Arten und Funktionen
der Musikausübung. — Kapitel 3: Verhältnis der Ausführenden und der Zuhören-
den. — Kapitel 4: Verhältnis zwischen Künstler und Umwelt. — Kapitel 5: Schich-
tung der musikalischen Gesellschaft überhaupt; im 18. Jahrhundert z. B. fünf
Gruppen: Künstler, Kenner, Liebhaber, Indifferente, Musikfeinde. — II. Besondere
Gesellschaftsformen. 1. Musikgemeinschaften: Troubadoure, Barden, Stadtpfeifer
usw.; 2. dauernde (Zunftwesen), nichtdauernde (Singgemeinden) und Zweckver-
bände. — III. Soziologie der musikalischen Stile, Techniken, Formen, verwirklicht
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