Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 26.1932

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Über das Wesen des Tragischen.

Von
Hubert Klees.

Einleitung. Wenn das Tragische auch seit jeher hauptsächlich als
Gegenstand der Ästhetik behandelt worden ist, so sind die Ergebnisse
deshalb doch keineswegs übereinstimmend. Ja sie gehen nicht selten schon
in der ganz grundlegenden Frage über das Wesen des Ästhetischen aus-
einander. In der Geschichte der neueren deutschen Ästhetik lassen sich
drei solche grundlegenden Mißverständnisse aufweisen.

Das erste Mißverständnis in Bezug auf das Wesen des Ästhetischen
besteht in der Ansicht, daß alle Metaphysik ihren Sinn und ihre Vollen-
dung in der Ästhetik empfange. Der Schöpfer dieser ästhetischen Meta-
physik ist S c h e 11 i n g. Er sieht das Universum in der Gestalt der
Kunst und die Philosophie der Kunst ist ihm „Wissenschaft des All in
der Form oder Potenz der Kunst"1).

Eine zweite Ansicht steht dieser insofern diametral gegenüber, als in
ihr die Ästhetik der Metaphysik untergeordnet wird. Typische Vertreter
dieser Ansicht sind Hegel und Schopenhauer. Es ist derselbe
spekulative Zug, von dem beide beherrscht werden. Durch ihn wird
Hegel einerseits dazu veranlaßt, die wahre tragische Entwicklung „nur
in dem Aufheben der Gegensätze als Gegensätze, in der Versöh-
nung der Mächte des Handelns" zu sehen2). Schopenhauer an-
dererseits läßt nur die Kämpfe, nur Schmerzen und Opfer als den wesent-
lichen Gehalt des Tragischen gelten. Darum liegt für ihn auch der eigent-
liche Zweck des Trauerspiels in der „Darstellung der schrecklichen Seite
des Lebens"3).

Im Zusammenhang mit der spekulativen Denkweise steht auch die Mei-
nung, daß eine Theorie des Tragischen nur auf dem Boden einer be-
stimmten metaphysischen (z. B. pessimistischen) oder religiösen Welt-

') Werke, München 1927, 3. Bd. S. 388. Vgl. dazu auch H. Lotze, Ge-
schichte der Ästhetik in Deutschland, Leipzig 1913, S. 123 ff.

2) Hegels Ästhetik, herausgeg. von Alfred Bäum ler, München 1922, S. 227.

3) Die Welt als Wille und Vorstellung, 3. Buch, § 51 (Reclam-Ausg., Bd. I,
S. 334).

Zeitschr. f. Ästhetik u. alle. Kunstwissenschaft. XXVI. i
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