Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 26.1932

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Die Dichteridee des Horaz und ihre Probleme.

Von

Friedrich Solmsen.

Wir greifen hier aus der immerhin beträchtlichen Anzahl antiker
Dichter, Philosophen, Rhetoren, Grammatiker, die sich zu prinzipiellen
Fragen oder Detailproblemen der Dichtung geäußert haben, Horaz heraus.
Bedarf es einer Rechtfertigung dafür, so ergibt sie sich aus seiner expo-
nierten Stellung im Zentrum einer spannungsreichen und drängenden
Problematik. Tiefgreifende Entwicklungen, ja Umwälzungen des politischen
und kulturellen Lebens ziehen in der Zeit, die durch den dominierenden
Einfluß des Augustus charakterisiert ist, auch die Dichtung in ihre Strudel,
verändern die Stellung, die ihr im öffentlichen Leben zukommt, und
treiben zu einer neuen, eindringlichen Besinnung auf Sinn und Aufgabe
des JJichtens. Alle Poesie, die sich nicht von vornherein auf unfruchtbar-
epigonenhafte Bemühungen beschränkte, sogar die Liebesdichtung der
Zeit wird irgendwie von dieser Bewegung erfaßt und mitgerissen; aber
wie es für Horaz überhaupt bezeichnend ist, daß er seine Produktion von
Anbeginn an mit wacher intellektueller Klarheit und gewissenhafter
Rechenschaftsablage begleitet hat, so vollzieht sich auch der Umbau und
die Neuorientierung seines Dichtens nicht bloß in der praktischen Ge-
staltung selber, sondern auch im Medium der Reflexion und theoretischen
Klärung. Die szenische Umgruppierung erfolgt hier nicht hinter einem
geschlossenen Vorhang, sondern auf offener Bühne und vor aller Augen.

Die Dichtergeneration vor Horaz, die sogenannten Neoteriker, hatten
zum ersten Male in Rom einrichten nach festen ästhetischen Maxime
zum Prinzip erhoben. Sie suchten die Vollkommenheit der Form und
banden sich an Theorien über das poetisch Richtige und Unrichtige, die
sie sich zuerst verstandesmäßig zu eigen machten und dann in mühe-
voller Übung in die Praxis ihrer Arbeit übertrugen. Sie haben zwar die
Poesie auch um neue Inhalte bereichert und persönliches Fühlen mit
unerhörter Offenheit, mit Vehemenz und mit einer auch den Griechen
unbekannten Ausdrucksstärke in ihren Gedichten ausgesprochen; aber
dies ergab sich mehr nebenbei und fast wider die Absicht; denn was sie
zum Dichten führte und worin sie ihre Rechtfertigung suchten, war ein
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