Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 26.1932

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BEMERKUNGEN.

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Gustav Mahlers — Luther — und Christus. Und eine stille Berufstragödie des
Lebens, ein Scharfen, dem die Zeit die tiefste Wirkung genommen, sei hier nicht ver-
gessen: Adickes (vgl. den Nachruf von Menzer in den Kant-Studien XXXIII 3/4
S. 371).

IV.

Das Berufsproblem in der Dichtung! Das Hohelied des menschlichen Schaf-
fenswillens, der sich gegen alle Widerstände durchsetzt oder im Kampf mit ihnen
untergeht. Man muß die Frage stellen, ob diese Probleme und Tragödien nicht
ebenso starke dichterische Berechtigung haben, wie die Liebestragödien, die seit Jahr-
hunderten die gesamte Dichtkunst erfüllen. Gerade die Gegenwart läßt diese Frage
berechtigt erscheinen. Das Problem der Liebe hat sich dichterisch zweifellos er-
schöpft, an seine Stelle ist die hysterische Proklamierung der Sexualität getreten.
(Bronnen, Bruckner, H. H. Jahn u. a.) Die Dichtung braucht frisches Blut, braucht
frische Probleme. Sie hat sie sich seit Jahren schon aus der Wissenschaft geholt
(vgl. auch „Die phantastische Literatur", Ztschr. f. Ästh. XXIV, S. 37 ff.) und die
psychologischen Dichtungen der letzten Jahrzehnte tragen deutlich das Gepräge der
Einflüsse wissenschaftlicher Psychologie, Psychiatrie — und vor allem der Psycho-
analyse (Hypostasierung des Sexuellen!).

Die von uns aufgewiesenen Beispiele aus dem Leben geben natürlich nur Hin-
weise für eine solche Auffrischung der dichterischen Problemwelt. Zahllose andere
lassen sich aufweisen — man denke z. B. an die Episode aus Goethes Leben, als
Goethe seine Entdeckung des Zwischenkieferknochens gerade dem Forscher mit-
teilte, der soeben in einem dicken Werke das Nichtvorhandensein dieses Knochens
nachgewiesen hatte. Spannt man hier die Gegensätze auseinander, läßt den Ge-
lehrten z. B. die Entdeckung des Laien anerkennen (ein ähnlicher Fall findet sich
im Leben des Chemikers Berzelius), so ist das dichterische Problem gegeben. Wir
erinnern noch einmal an Adickes, der zugunsten der einmal übernommenen Pflicht,
den Kantnachlaß herauszugeben, seine eigene philosophische Produktion brachliegen
lassen mußte, — und dessen Werk nach endlicher Vollendung keineswegs die Reso-
nanz fand, die es verdient hätte. Die Zeit hatte das so stark einsetzende Interesse
für Kant schon wieder verklingen lassen. Hier liegt eine Tragik zugrunde, deren
dichterische Gestaltung noch aussteht.

Nur auf einem Gebiet hat die Berufsdichtung tieferes Interesse gefunden: im
biographischen Roman. Klara Hofer: „Alles Leben ist Raub" (Hebbel) und
'»Sonja Kowalewski", H. Unger: „Helfer der Menschheit" (Robert Koch), R. H.
Bartsch: „Der große alte Kater" (Schopenhauer), die Kleist-, Goethe-, Schiller-
Romane, Fr. Hucli : „Der junge Beethoven" etc. Auf diesem Gebiet ist die Pro-
duktivität sehr groß. Ein besonders interessanter Fall ist Romain Rollands
^Johann Christoph", der im ersten Bande in freier Nachdichtung Beethovens Kind-
heit behandelt.
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