Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 26.1932

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Bemerkungen.

Zum Stilproblem in der bildenden Kunst1).

Von

Dr. Walter P a s s a r g e.

1. Die äußeren Faktoren der Stilbildung.

Das Verhältnis der Kunstgeschichte zur allgemeinen Kultur- und Geistes-
geschichte ist heute wieder zu einem Hauptproblem der kunstwissenschaftlichen
Forschung geworden. So hat kürzlich Hermann Beenken in einer tiefgreifenden Ab-
handlung über „Geistesgeschichte als System geistiger Möglichkeiten" seine „Ideen
zu einer Ordnungslehre der Stile in den Kulturwissenschaften" entwickelt2). Der
Stil, den Beenken als „sinnvolle Beziehung innerhalb eines Ordnungszusammen-
hanges" bezeichnet, wird von Trägern realisiert; er ist zunächst „Gruppenstil". Die
Verwirklicher des „Gruppenstils" stehen entweder im räumlichen Nebeneinander
oder im zeitlichen Nacheinander. Wesentlich für das Stilproblem ist ferner der
Begriff der Entwicklung, den Beenken als „sinnvolle, innerlich folgerichtige Wand-
lung" definiert. Hier werden weitere Probleme sichtbar. Einmal das der „Breite":
was an Individuen, Gruppen usw. ist in diese Entwicklung einbezogen? Zweitens
das Problem der „Tiefe": gibt es Entwicklung nur für eine Kunst, oder die
Kunst oder die Kultur? Endlich: worin besteht die Einheit des Zeitstils innerhalb
einer Kultur?

Ähnliche Gedanken hat Pinder in seinem Buch „Das Problem der Generation"3)
skizziert. Welche Faktoren wirken überhaupt stilbestimmend? Pinder unterscheidet
zunächst stetige und zeitliche Faktoren. Zu den (relativ) stetigen gehören: Kultur-
raum, Nation, Stamm, Familie, Typus, Individualität. Zu den zeitlichen: die
„Entelechien" der einzelnen Künste und der Sprache sowie der historischen Stile.
Beim Einzelkunstwerk überkreuzen sich: 1. Generationsstil, 2. Altersstil, 3. Zeit-
farbe, 4. Personalstil. Ähnlich findet Beenken, daß jeder Stil im Schnittbereich sich
gleichsam kreuzender Möglichkeiten liege, von denen jede ihren besonderen Stil hat.
Bei der Analyse eines Einzelwerkes unterscheidet er: 1. Lokalstil, 2. Zeitstil, 3. Gene-
rationsstil. Das Problem des Personalstils wird also nicht gestellt. Ganz allgemein
erkennt er drei „Dimensionen" in der geschichtlichen Bestimmung einer kulturellen
Leistung. Jedes geistesgeschichtliche Phänomen „muß einmal als in einem bestimm-
ten geistigen Stil verwurzelt dargestellt werden" — und zwar „sowohl in der geisti-
gen Struktur seines Schöpfers wie in den letzten Tiefen nationalen Geistes". Es muß

J) Der nachfolgende Aufsatz enthält in gedrängtester Form die Grundgedanken
einer größeren Abhandlung über das Stilproblem in der bildenden Kunst.
2) Logos Bd. XIX Heft 2, 1930.
•'') Berlin II. Aufl. 1928.
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