Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 26.1932

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BESPRECHUNGEN.

an die schlimmsten Untugenden deutscher Philosophen erinnern. Ich bin nicht in der
Lage, zu entscheiden, ob bei dieser allzu starken „Verdeutschung" der Stil des
Autors erhalten werden sollte — zum Vorteil der Verständigung dient sie bestimmt
nicht! Und man möchte doch nicht gern auf Analogieschlüsse angewiesen sein,
um den Sinn zu erfassen!

Berlin. Werner Ziegenfuß.

Walter Passarge: Die Philosophie der Kunstgeschichte in
der Gegenwart. Junker & Dünnhaupt Verlag, Berlin 1930.

Es war eine schwierige Aufgabe, aus dem Stimmengewirr der begrifflichen
Erörterungen in der heutigen Kunstwissenschaft das Wichtige herauszuwählen und
der inneren Zugehörigkeit nach zu ordnen. Passarge hat die Arbeit mit großem
Verständnis angefaßt und in gut lesbare Form gebracht. Nach einem Überblick
über die Theorien des 19. Jahrhunderts, von Schnaase über Schmarsow, Tietze bis
zu Panofsky, gibt er im 2. Kapitel die Lehre von der Kunstgeschichte als Form-
geschichte. Er setzt richtig ein mit Riegls Begriffen taktisch und optisch und be-
handelt dann die Grundbegriffe Woelfflins und die wissenschaftliche Diskussion
darüber. Frankls Versuch zur systematischen Zusammenfassung der Grundbegriffe
wird gut herausgearbeitet, die allgemeinen Ansichten Brinckmanns und Panofskys
angeschlossen. Das 3. Kapitel berichtet über die Theorien, die aus der Kunst die
Weltanschauung deuten. Auf der Grundlage Diltheys hat Nohl die Typen der
malerischen Weltanschauung aufgestellt, ergänzt unter anderem durch die Kunst-
Iehre von Ludwig Coellen. Erwähnt wird die Symboltheorie Ernst Cassirers und
die Lehre Drosts, daß die Formstruktur und ebenso Inhalt und Technik als Aus-
druck zu deuten seien. Ein weiteres Kapitel zeigt, wie die Stile als Erzeugnisse
bestimmter Rassen und Kulturen aufgefaßt werden. Hier tritt Worringers große
Polaritätslehre auf, Spenglers organisches Werden und Altern der Kulturen, die
Kulturphilosophie Dvoraks. Es folgt im 5. Kapitel die Frage nach der Deutung
der gesamten Kunstgeschichte, der Universalgeschichte des Stils, in dem Cohn-
Wiener, Coellen, Frank!, Frey behandelt werden. Ein Kapitel über den Rhythmus
der Generationen, das vor allem Pinder behandelt, schließt das Werk ab.

Vermißt habe ich den Namen Fritz Burgers, der mit seinen Farbflecken und
Farbfleckgrenzen doch wichtige, wirklich formale Begriffe geschaffen hat. Britsch
geht auf ihn zurück, das ist Pflicht einmal zu betonen, und vor allein C. v. Lorck,
dessen physiognomischer Versuch „Grundstrukturen des Kunstwerks" (1926) als
wichtige kunsttheoretische Arbeit nachzutragen wäre.

Passarge hat nur die systematischen, begrifflichen Erörterungen behandelt.
So ist, wenn ich an mich selbst denke, meine allgemeine Kongreßrede heran-
gezogen und nicht die historische Arbeit über die Barockmalerei, in der diese
Theorie weitaus vielseitiger behandelt ist. Dieser Fall wird wohl nicht vereinzelt
sein. Oft wird das Beste und Richtigste, das der Kunsthistoriker an allgemeinen
Dingen sagt, gerade den historischen Abhandlungen immanent sein und aus der
unmittelbaren, sinnlichen Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk herausspringen.
Auch begriffliche Klärung und Ausdeutung soll uns näher an das Kunstwerk heran-
führen. Der Hegelianismus eines Coellen kann uns bei aller Hochachtung vor der
gedanklichen Leistung wenig dienen, da er den Zusammenhang mit dem Einzel-
werk verloren hat. — Aber es ist selbstverständlich, daß eine solche Arbeit manches
Wünschenswerte hat unberücksichtigt lassen müssen. Jedenfalls stellt das Buch
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