Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 33.1939

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Besprechungen

Alexander Truslit: Gestaltung und Bewegung in der Musik.
Ein tönendes Buch vom musikalischen Vortrag und seinem bewegungserlebten
Gestalten und Hören (mit drei Schallplatten). Verlag Chr. Friedrich Vieweg,
Berlin-Lichterfelde.

Die Frage nach dem richtigen musikalischen Vortrag war früher eine Art Zunft-
geheimnis. Bis in die Zeiten Joh. Seb. Bachs suchen wir vergeblich nach irgend-
welchen Anweisungen für die Vortragskunst, ja die Komponisten vermieden es schein-
bar ängstlich, Feinheiten der Wiedergabe im Notenbild sichtbar zu machen. Das hat
bekanntlich in neuerer Zeit zur Folge gehabt, daß man in Übertreibung des Prinzips
der historischen Treue bei der Ausführung älterer Musik asketisch von allen Diffe-
renzierungen und Nuancierungen abzusehen sich bemühte, nachdem im 19. Jahrhun-
dert die „romantische Auffassung" aller und jeder Musik zu ebenso unhaltbaren
Übertreibungen nach der anderen Seite hin geführt hatte. Bezeichnenderweise tauchen
die ersten Andeutungen über den Vortrag der Musik erst in dem Augenblick auf,
wo neben den „Kenner" der „Liebhaber" als wichtiger Faktor des Musiklebens auf
den Plan tritt, wo — mit anderen Worten — der Laie, der gebildete Dilettant sich der
Musik bemächtigt und nun Fragen stellt. Dies geschieht im Verlauf jenes Halbjahr-
hunderts, das mit Bachs Tode (1750) beginnt und sich bis zur Romantik spannt. Es
ist die Zeit, wo auch die ersten großen Lehrwerke für den Violin- und Klavierspieler
(Leopold Mozart, C. Ph. E. Bach) entstehen. Aber auch hier sind Bemerkungen über
den Vortrag noch sehr spärlich gesät und erschöpfen sich meist in einigen ziemlich
inhaltlosen Regeln. Den „empfindsamen" Charakter der Zeit spiegelt etwa ein Aus-
spruch C. Ph. E. Bachs wider, wenn er sagt: „Indem ein Musikus nicht anders rühren
kann, er sei dann selbst gerührt [von mir gesperrt], so muß er notwendig
sich selbst in alle Affekte setzen können, welche er bei seinen Zuhörern erregen will".
Diese hier zum Ausdruck kommende „Affektenlehre" ist im Grunde noch heute nicht
ausgestorben. Daß aber die „Gemütsbewegung" allein nicht ausreicht, um ein Musik-
werk musikalisch zu gestalten oder auch nur zu erleben, ist im Laufe der Zeit immer
deutlicher geworden. Der „realistischere" Sinn des 19. Jahrhunderts hat denn auch
andere Methoden entwickelt, um das Geheimnis der Vortragskunst zu enthüllen,
Methoden, die uns heute freilich recht nüchtern und oberflächlich erscheinen. Denn
wenn z. B. Otto Ad. Klauwell („Der Vortrag in der Musik", 1883) findet, daß „in der
Tat die ganze Vortragsschwierigkeit auf die richtige und sinnentsprechende Erfassung
der einzelnen Töne nach ihrer Zeitdauer und ihrem Stärkegrad" zurück-
zuführen sei, so ist mit dieser trockenen Feststellung dem Musiker herzlich wenig
gedient, zumal wenn er fortfährt: „Was nun freilich hierbei das Richtige sei, ist auf
absolute Weise schwer zu entscheiden und unterliegt den Verschiedenheiten verschie-
den gebildeten Geschmack s". So endet eigentlich das ganze Problem in Resigna-
tion und Skeptizismus. Man muß den Abschnitt „Die Literatur zur musikalischen
Vortragsgestaltung" in Truslits Buch lesen, um die heutige Situation zu verstehen.
Dann wird man auch den Mut des Verfassers einzuschätzen wissen, erneut diesem
Problem zu Leibe zu gehen.
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