Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 33.1939

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Das russische Italienerlebnis im 18. Jahrhundert

Zur Ästhetik des russischen Europäertums

Von
A. Hackel

Begnadet, wer auf Erden wandelt
Im Schicksalsaugenblick der Welt;
Ihn haben, die ob Wolken walten,
Zu Tisch und Rate sich gesellt.
Der Götter Schau teilt er beim Mahle
Der Sel'gen, wie ein Himmelsohn
Und schlürft aus ihrer Nektar schale
Unsterblichkeit im Leben schon.

F. Tjutschew.

Die Begegnung mit Italien bedeutete für jede europäische Nation
einen Prüfstein ihrer eigenen Kulturwerte, zugleich eine Auseinander-
setzung mit denjenigen Mächten, die die Kultur des Abendlandes im
Laufe von mehr als 2000 Jahren befruchtet und bestimmt haben: mit der
Antike, dem christlichen Mittelalter und der Renaissance.

Jedes Volk faßt Italien unter anderen Gesichtspunkten auf, jede Zeit
entdeckt im klassischen Lande dasjenige, was ihr nahe oder verwandt er-
scheint.

Für den europäischen Menschen bedeutet somit Italien „die große
Bundeslade antiker und christlicher Bildung",2) eines der grundlegend-
sten Bildungserlebnisse des Abendländers.

Wie steht es nun mit Rußland? Bedeutet für den Russen Italien das,
was es für den Deutschen, den Franzosen, den Engländer von jeher ge-
wesen ist?

Diese für die Erkenntnis der neurussischen Geisteskultur und Seelen-
haltung so wichtige Frage ist viel zu kompliziert, als daß sie in einem
kurzen Aufsatz in ihrem ganzen Ausmaße erschöpft werden könnte. Für
unsere Zwecke genügt es, die Formen des russischen Italienerlebnisses
vornehmlich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufzuzeigen.

x) F. Tjutschew, „Cicero" deutsch von D. H. v. Gärtringen. Leipzig 1934. S. 33.
2) J. Burckhardt, Weltgeschichtliche Betrachtungen. Herausgegeben von J. Döri.
Stuttgart 1917. S. 7.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft XXXIII. 10
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