Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 33.1939

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Besprechungen

Werner Sombart: Vom Menschen. Versuch einer geistwissenschaftlichen
Psychologie. Buchholz und Weiswange, Verlag, Berlin 1938.

Wenn Werner Sombart ein neues Werk veröffentlichte, so horchte die wissen-
schaftliche Welt auf; denn immer gab es da etwas Neues, Überraschendes, oft auch
den Widerspruch Herausforderndes zu hören. Diesmal verblüfft der große National-
ökonom und Soziologe schon durch die Wahl des Themas; denn er überschreitet weit
die Grenzen seiner bisherigen Arbeitsgebiete; er unternimmt im hohen Alter den
kühnen Versuch einer Zusammenschau alles Menschlichen, er entwirft eine geist-
wissenschaftliche Anthropologie, in der vieles, was von Biologie, Psychologie, Sozio-
logie und andern SpezialWissenschaften getrennt behandelt worden ist, unter einen
einheitlichen, imponierend weiten Aspekt gerückt wird.

Der prinzipielle Gesichtspunkt aber, unter dem Sombart die verschiedenartigsten
Probleme zusammenfaßt, ist der, daß der Mensch niemals bloß als Naturwesen zu
verstehen sei, sondern nur vom Geiste aus. Den Geist aber sieht Sombart als grund-
sätzlich von der Natur geschieden an, als eine Seinssphäre eigner Art, die allenthalben
zwar in das Menschliche hineinwirkt, jedoch sorgfältig von allem bloß Naturhaften
zu scheiden ist. Durch seinen Geist hat der Mensch eine Sonderstellung im Kosmos;
der naturalistischen Deutung des Menschenlebens wird die „hoministische" gegen-
übergestellt. Und es wird — entgegen herrschenden Ansichten — betont, daß der
Geist nicht erblich ist.

Es ist an dieser Stelle nicht möglich, den ungewöhnlichen Reichtum an Proble-
men und Lösungen, die das Buch bietet, im Einzelnen zu erörtern. Es ist gegliedert
in drei Teile: Der Mensch in seiner Eigenart; Menschen und Völker; Das Werden.
Innerhalb dieser Gliederung nun werden fast alle wesentlichen Probleme der Bio-
logie, Psychologie und Soziologie unter dem zentralen Gesichtspunkt, welche Rolle
der Geist dabei spielt, in höchst selbständiger Weise behandelt. Eigenartig ist auch
die Methode, insofern Sombart die ältere Literatur mit erstaunlicher Belesenheit
heranzieht und gegen den Naturalismus des 19. Jahrhunderts ausspielt. Viele „Fach-
leute" könnten angesichts dieser historischen Kenntnis das Erröten lernen.

An dieser Stelle kann das Buch Sombarts nur insofern gewürdigt werden, als es
für die Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft Bedeutung hat. Diese besteht
zweifellos, auch wenn nur selten auf die Kunst speziell Bezug genommen wird, in-
sofern gegen alle psychologistische oder sonstwie naturalistische Deutung der
Kunst die Autonomie des Geistes auch auf dem Kunstgebiet mit aller Schärfe betont
wird. Vereinzelt wird das besonders in jenen Abschnitten auch speziell erörtert, die
die Ästhetizierung des Essens und der Geschlechtsbeziehungen als spezifische Ver-
geistung dieser Naturtatsachen beleuchten.

So überzeugend das Werk Sombarts in seinen Hauptgedanken ist, es müßte nicht
von Sombart sein, wenn es diese Gedanken nicht in so zugespitzter Weise vortrüge,
daß sie nicht Widerspruch erweckten. Ein solcher Widerspruch regt sich vor allem
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