Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 33.1939

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Besprechungen

Hermann Beenken: Der Meister von Naumburg. Im Rembrandt-
Verlag, Berlin 1939.

Der letzte Genius der Stauferzeit — so hat Wilhelm Pinder den Naumburger
Meister genannt —, ist zugleich der erste unter den Künstlern des Mittelalters, „bei
dem wir zuweilen schon ein Bedauern spüren können, seine Lebensgeschichte, ja
seinen Namen nicht zu wissen". Sein Hauptwerk, die Stifterfiguren im Westchor des
Naumburger Domes als geistigen Gemeinbesitz einer namenlos wirkenden Bauhütte
anzusehen, erscheint dem modernen Betrachter schlechthin unmöglich; denn bis in
jede der schwer und breit fallenden Gewandfalten hinein glaubt er den Meißelschlag
einer Hand zu spüren, die, kaum beeinflußt von traditioneller Auffassungsweise oder
von den Vorbildern an französischen Kathedralen, ihren eigenen Gestaltungswillen
prägt. Es hat daher nie an Versuchen gefehlt, aus dem eng geschlossenen Verband
der Naumburger Bildhauerwerkstatt einen Hauptmeister herauszulösen, als dessen
persönliches Eigentum auch zahlreiche Bildwerke an anderen deutschen und franzö-
sischen Domen in Anspruch genommen werden.

Hermann Beenken geht in seinem in der Reihe der Rembrandt-Bücher er-
schienenen Werk „Der Meister von Naumburg" in diesem Bemühen noch einen
guten Schritt weiter. Er unternimmt es, auf Grund eigener und fremder Forschungs-
ergebnisse den Werdegang dieser Meisterpersönlichkeit von den frühesten Arbeiten
im Westen bis zum reifsten Spätwerk der Naumburger Lettnerreliefs zu rekon-
struieren und von der inneren Folgerichtigkeit seiner künstlerischen Entwicklung zu
überzeugen. Ob es ganz angebracht, im Rahmen einer für Laien bestimmten Dar-
stellung, die in ihrem beschreibenden Teil sprachlich und inhaltlich ja auch bewußt
volkstümlich gehalten ist, das Problem der Urheberschaft an den Naumburger Bild-
werken so weit in die wissenschaftliche Streitfrage vorzutreiben, muß dahingestellt
bleiben, zumal nach dem heutigen Stande der Einzelforschung eine voll überzeugende
und endgültige Gesamtlösung doch noch nicht möglich erscheint. Jedenfalls aber
verdienen die Ausführungen Beenken's stärkste Beachtung des Fachmannes. Die
meisterhaften Aufnahmen, die den schön ausgestatteten Band illustrieren, hat man
E. Kirsten zu verdanken.

Die ersten Spuren der Wanderschaft und Wirksamkeit seines Naumburgers sieht
der Verfasser mit H. Giesau und anderen in den kleinen Vierpaßreliefs am West-
portal von A m i e n s. Einen schon persönlicheren Stil derselben Hand glaubt er zu
erkennen am Tympanon der M e t z e r Kathedrale in gewissen Aposteldarstellungen,
die leider nur sehr bruchstückhaft erhalten sind. Dann wendet sich Beenken den
Mainzer Lettnerfiguren zu, die heute auch sonst fast allgemein als gesicherte
Arbeiten des Naumburgers oder seines Kreises gelten. Tatsächlich berühren die
dicht aneinandergedrängten Gestalten der Seligen und Verdammten, deren Einzel-
gebärde und Existenz aufzugehen scheint in der Gesamtbewegtheit der Gruppe, wie
ein Vorklang des dramatischen Erzählerstils bei den Passionsdarstellungen des

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft XXXIII.

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