Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 33.1939

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BESPRECHUNGEN

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landschaftliche Eigenart zurückführen, der bei aller Liebe für Weiträumigkeit und
ruhige Breite doch leicht etwas eigensinnig Beharrliches und absonderlich Eigen-
brötlerisches anhaftet. Hierher gehört auch die vom Verfasser erwähnte Experimen-
tierlust, die dem Westfalen am Beginn des 13. Jahrhunderts eigen gewesen sein soll.
Das Experimentieren gehört wohl eher zum Zeitstil, aber das Wie des Experimen-
tierens, das ebensogern unerwartet rückwärtige oder abseitige, wenn nur eigene Wege
geht, das ist westfälisch.

Schwerin. Margarete Riemschneider-Hoerner.

Heinrich Lützeler: Führer zur Kunst. (Mit 304 Bildern und 3 far-
bigen Tafeln.) Freiburg im Breisgau, Verlag Herder & Co. 1938.
Das Buch ist eine kluge und inhaltsreiche pädagogische Einführung in das
wissenschaftlich fundierte Verstehen von Architektur, Plastik und Malerei. Es geht
davon aus, daß der heutige Mensch aus seinem Alltagsleben keineswegs alle Voraus-
setzungen mitbringt, die notwendig sind, um ein Kunstwerk als solches zu würdigen,
und es weist darauf hin, daß das massenhafte Ansehen von illustrierten Zeitschriften
und Filmen dem vertiefenden Eindringen in ein Kunstwerk strikte entgegenarbeitet.
Deshalb wird im Vorwort mit Recht betont, daß dies flüchtige Sehen erst einmal aus-
geschaltet werden muß, daß der Durchschnittsmensch von heute erst einmal wieder
lernen muß, gründlich zu sehen, sich darauf einzustellen, daß alle hohe Kunst eine
Deutung und Formung des Menschen anstrebt. Der Verfasser, der ein besonders
warmes Verhältnis zur mittelalterlichen Kunst hat, formuliert daher: „Kunst be-
trachten heißt die erdüberwindende Kraft der Kunst erfassen, die Durchdringung
des Schlichten und des Unsichtbaren, die sich in ihr vollzieht, das Geheimnis, das
aus Stein, Glas, Farbe, Holz und was immer sonst erwächst." In der Durchführung
dieser Zielsetzung werden eine ganze Reihe zentraler ästhetischer Probleme mit
Geschick in knapper Form behandelt, wobei auch dem Handwerklichen in der Kunst,
über das viele Ästhetiker unberechtigterweise hinweggehen, eingehende Erörte-
rungen gewidmet werden. Sehr glücklich erscheint uns z. B. das Eingangskapitel
über die Einstellung des Betrachters zur Architektur, wobei darauf hingewiesen
wird, wieweit der heutige Betrachter älterer Baukunst von sich aus ergänzen und
ordnen muß, was die Zeit zerstört und verwirrt hat. Das Wesen der Architektur
wird definiert: „Die Baukunst gestaltet auf eine typische und dauerhafte Weise
Raum für gemeinschaftsbezogenes Leben, dessen Grundgesetze — Welthaltung, Auf-
bau und Seinsbeziehungen — sie in zweckbestimmten und überzweckmäßigen For-
men versinnbildlicht." Im zweiten Hauptteil werden zunächst die Hauptprobleme der
darstellenden Künste: das der Naturnachahmung und das des Ausdrucks behandelt.
Die Ergebnisse dieser allgemeinen Betrachtung finden dann Anwendung in den
Teilen, die sich mit Plastik und Bildkunst beschäftigen. Hervorheben möchten wir
hier die Abschnitte über „Vielstimmigkeit" der Plastik und der Bildkunst, ebenso
wie Abschnitte über „Rangstufen" in den verschiedenen Künsten. Alle Abschnitte
sind mit gründlicher Literaturkenntnis, aber mit durchaus persönlicher Stellung-
nahme zu den Problemen geschrieben. Die zumeist sehr glücklich gewählten Illu-
strationen, die mit Beispielen und Gegenbeispielen arbeiten, tragen sehr zur Brauch-
barkeit des Buches bei, das keineswegs bloß den Anfänger interessieren kann, son-
dern auch dem Fachmann der Ästhetik mannigfache Anregungen zu geben vermag,
da er, auf kurzem Raum zusammengeballt, sich einer Fülle von Problemen und
Lösungsversuchen gegenübergestellt sieht, die auch dort, wo sie nicht letzte Ant-
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