Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 33.1939

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BEMERKUNGEN

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In den Reliefs des Pergamonaltars ist dieses Brauen von Himmel, Meer und
Musik zu Stein geworden, das unendlich Bewegte, Verfließende zur ruhenden Gegen-
wart gebannt. Überall ahnt man einen Hintergrund von Flügeln und Schlangen,
Luft und Wasser und davor ein Gewoge ringender und erliegender Menschen- und
Tierleiber, die siegend und fallend von unseren eigensten Kämpfen und Leiden
zeugen. Nicht nur die sieghafte Grausamkeit der Götter, ihr Vernichtungswille
springt auf uns über. Wir können nicht ganz für sie Partei ergreifen, denn auch
die Mächte der Tiefe sind schön, ja scheinen in ihrem Leiden und Überwunden werden
uns noch mehr zu gehören. Prachtvoll diese rasende Athene, die den Giganten beim
Schöpfe faßt, die jungfräuliche Jägerin Artemis mit den für sie streitenden Hunden,
die ruhige Hoheit Apolls, des Pfeile schießenden Lichts und jene an Michelangelos
schaffenden, mit dem Chaos ringenden Gottvater gemahnende Gestalt des Zeus in
ihrer reifen Manneskraft! — Die überwundenen Titanen aber sind noch von wärme-
rem Hauch umwittert. Da fügen sich Trümmer zu einzelnen Gliedern zusammen,
die von dem ganzen Zauber und Schauder des Menschenleibes zeugen — am schön-
sten vielleicht der jugendliche Titane links an der nördlichen Seitenwand des
Saales —, und wir fühlen und verstehen die Klage der mütterlichen Erde um das
stolze Geschlecht, das ihrem Schoß entstiegen ist. — Und dann löst sich dieses tra-
gische Motiv wieder, und das Ganze ist nur wie ein Gleichnis des ewigen Zusammen-
spieles von Himmel und Erde, Licht und Dunkel, Wolken und Winden mit Wogen
und Meer. Und wie in der Natur niemals ein Ende ist, so wird auch dieser Kampf
zum Tanz, zum ewigen Rhythmus. „Im Anfang war der Rhythmus."

Der Strom der Einheimischen und Fremden wogt durch den Saal, in dem der
Pergamonfries zum ersten Mal gut sichtbar zu dem Beschauer spricht. Die Kunst-
wissenschaft fordert unsere Bewunderung. Aber welche produktive Spannung aus
dem Beschauer dem Kunstwerk entgegenkommen muß, um aus diesen Trümmern
das Wunder von neuem zu gebären, davon wird nicht gesprochen und kann nicht
gesprochen werden, weil es das Eigentliche, das Heimliche ist.

Man solle vor das Kunstwerk hintreten wie vor einen König, wartend, wann er
zu uns reden will, meinte Schopenhauer. Zu wem aber der Pergamonaltar wirklich
zu sprechen beginnt, in dem wirkt er einen Zauber, den selbst der unverletzte Altar
dort auf der Höhe im Licht und über den blauen Gestaden des Mittelmeers, den
schon die Alten als ein Wunderwerk priesen, nicht gehabt haben kann. II y a quelque
chose de plus beau qu'une belle chose, c'est la ruine d'une belle chose, sagte Puvis
de Chavannes und rührte damit an das Geheimnis der Ruine. Die Ruine will nichts
mehr. Sie bietet sich nicht mehr an. Das Publikum, für das einst der Künstler schuf,
ist längst dahin. Das Kunstwerk ist wieder Natur geworden und in der Zerstörung
suggestiv wie der unfertige Anfang, die Skizze. — In der Ruine, im Reiz der Ruine
begegnen sich Mensch und Natur, wirken zusammen und zeugen ein Neues, ein
Höheres. Sie könnten sich aber nicht so begegnen, wenn sie nicht irgendwie verwandt,
auf einander bezogen wären.

Der Pergamonfries ist ein Gleichnis für Vieles, was in der Sinnenwelt wie in
unseren Herzen sich abspielt. Und wenn wir wieder von ihm hinweg und hinaus in
die Welt treten, haben wir vielleicht einen neuen Blick für die Unvermeidlichkeit
menschlicher Kämpfe, wie auch für die Schönheit des Zusammenspiels von Himmel
und Erde, Licht und Dunkel, Wind und Welle gewonnen, und es lebt sich wieder
leichter, beschwingter, freier!
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