Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 33.1939

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BEMERKUNGEN

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Wettkampf der Tischgenossen zum Preise des Eros zu hören und schließlich die
Worte der Diotima:

„Wer also bis dahin zur Liebe erzogen wurde und das Schöne in seiner Ordnung
erkennt, der wird ganz am Ende als letzte Weihe seiner Liebe ein Wunderbares
erblicken und die große Schönheit der Schöpfung erschauen; er wird das erschauen,
Sokrates, um dessentwillen alle Wege und Mühen waren; er wird das Schöne schauen,
das da ewig da ist, und niemals wird und niemals vergeht und nicht reicher wird
und nicht verliert... Ja, Sokrates, wer immer von dort unten, weil er den Geliebten
richtig zu lieben wußte, emporzusteigen und jenes ewig Schöne zu schauen beginnt,
der ist am Ende und vollendet und geweiht."

Daß hier ein tiefster Ton unseres Wesens anklingt, der auch in ganz anderen
Zeiten und Zonen und in ganz anderen Bildern Ausdruck sucht, dafür sei schließlich
an einen kleinen japanischen Goldlack erinnert, der auch in Berlin zu sehen ist.

Es ist Nacht und offenbar einsam und kalt. Unter funkelndem Sternenhimmel
sitzen auf einem Felsvorsprung drei Affen. Der eine friert und hat sich zusammen-
gerollt. Er hat nur ein negatives Verhältnis zu dieser Unendlichkeit. Der zweite
fürchtet sich wenigstens schon und klammert sich ängstlich an seinen Genossen.
In dem dritten aber erwacht die große Sehnsucht, und er greift mit viel zu langem
Arm nach einer fern im Meer der Gestirne auftauchenden Mondsichel!

Die „Erforderlichkeit des Unmöglichen", so benannte Kurt Riezler vor 20 Jahren
dieses Thema. In der japanischen Darstellung scheinen der revolutionäre Glaube und
die große Liebe, die hinter diesem Gedanken stehen, mit der ironischen Kühle und
Ferne zu verschmelzen, die der nächtliche Anblick des Alls ausströmt.
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