Zeitschrift für christliche Kunst — 19.1906

Seite: 363
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1906. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 12.

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Unsere Künstler und das öffentliche Leben.

VII. (Schluß).

ch erübrigt uns, der großen Meister
Petrus Paulus Rubens und Sir
Joshua Reynolds zu gedenken;
Folianten ließen sich über diese
Männer füllen, doch hier müssen einige wenige
Daten und Hinweise genügen, welche wir für
Rubens dem Werke Eugene Fromentins4C)
entnehmen wollen. — „Er ist zu Siegen, in der
Verbannung geboren, als Sohn einer wunder-
bar rechtschaffenen und hochherzigen Mutter.
Sein Vater war hochgebildet, ein gelehrter
Doktor, aber leichtsinnig, wenig gewissenhaft
und von haltlosem Charakter. Mit 14 Jahren
ist er Page einer Prinzeß, mit 17 Jahren be-
ginnt er zu malen; mit 20 Jahren ist er schon
reif und ein Meister. Mit 29 Jahren kehrt
er von einer Studienreise (aus Italien) zurück
wie von einem Sieg, den er in der Fremde
errungen, und zieht wie im Triumph in seine
Heimat ein ....

Und wie sein Name größer wird und strahlt,
wie sein Talent bekannt wird, da scheint seine
Persönlichkeit zu wachsen, sein Gehirn weitet
sich, seine Fähigkeiten vervielfältigen sich mit
allem, was man von ihm und was er von
ihnen verlangt. Ist er ein feiner Politiker
gewesen
standen

ehrlich die Wünsche und den Willen seines
Herrn versteht und übermittelt, daß er durch
sein großes Auftreten gefällt, daß er alle die, mit
denen er in Berührung kommt, durch seinen
Geist, seine Kultur, seine Konversation, seinen
Charakter entzückt, und daß er zu alledem
die größte Zahl von Eroberungen macht ver-
möge der unermüdlichen Geistesgegenwart
seines Malergenies. Er kommt an, oft mit
großem Pomp, überreicht seine Beglaubigungs-
schreiben, unterhält sich und — malt. Er por-
trätiert Prinzen, Könige, er malt mythologische
Bilder für die Paläste, religiöse für die Kirchen.
Man weiß nicht recht, wer das größere An-
sehen genießt, der Maler Peter Paul Rubens
oder der Gesandte und akkreditierte Bevoll-
mächtigte; aber man darf mit Gewißheit an-

? Seine Politik scheint mir darin be-
zu haben, daß er klar, treu und

4(1) »Die alten Meister — Belgien und Hollandt —
von Eugene Fromentin. Ins Deutsche über-
tragen von Dr. Freiherr Eberhard von Bodenhausen.
(Berlin, 1903.)

nehmen, daß der Künstler dem Diplomaten
in wunderbarer Weise zu Hülfe kommt. . . .

Seine äußere Erscheinung ist schön, er ist
tadellos erzogen und gebildet. Von seiner
ersten, schnell sich entwickelnden Erziehung
her hat er den Geschmack an den Sprachen
und die Leichtigkeit, sie zu sprechen, behal-
ten: er schreibt und spricht Lateinisch; . . .
man unterhält ihn beim Malen mit Vorlesen
von Plutarch oder Seneca, und er ist bei der
Lektüre mit der gleichen Aufmerksamkeit

wie bei der Malerei.....Er ist geordnet,

methodisch ... in der Einteilung seiner Arbeit.
Er ist einfach, von mustergültiger Treue im
Verkehr mit seinen Freunden, allen Talenten
gegenüber wohlwollend, unerschöpflich in wohl-
überlegter Aufmunterung der Anfänger. Er
verehrt alles, was schön ist; das Gute und

das Schöne sind ihm eins.....Er verfolgt so

mit ruhigem Gewissen und mit Gottes Hilfe
seinen Weg.

Er hat ungefähr 1500 Werke geschaffen,
die gewaltigste Produktion, die je ein Mann

geleistet.....Aber auch unabhängig von der Zahl

erscheint die Bedeutung, der Umfang, die
Schwierigkeit seiner Werke schwindelerregend,
und man steht vor einem Schauspiel, das den
höchsten und man darf sagen, den heiligsten
Begriff gibt von den menschlichen Fähig-
keiten.....Nach dieser Richtung ist er einzig,

und auf alle Weise ist er eine der größten
Gestalten der Menschheit.

.... In Wahrheit war damals, so lesen wir
Seite 126, das Handwerk des Malers wirklich
ein Handwerk, und dieses Handwerk wurde
dadurch, daß man es wie ein hohes Berufs-
geschäft behandelte, weder weniger edel noch
weniger gut in der Ausführung. Die Wahr-
heit ist, daß es damals Lehrlinge gab, Meister,
Korporationen, eine Schule, die tatsächlich
ein Atelier war, daß die Schüler die Mit-
arbeiter waren der Meister, und daß weder
Meister noch Schüler zu klagen hatten über
diesen heilsamen und nützlichen Aus-
tausch von Lehren und Diensten.

Mehr als irgend ein anderer hatte Rubens
das Recht, sich an die alten Gebräuche zu

halten.....Er hinterläßt eine doppelte Erbschaft

von guten Lehren und hervorragenden Bei-
spielen. Sein Atelier erinnert mit dem gleichen
Glanz, wie irgend ein anderes, an die schönsten
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