Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 22.1962

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Buchbesprechungen

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Buchbesprechungen
Albert Baer, Die Michelsberger Kultur in der Schweiz, Monographien zur Ur- und
Frühgeschichte der Schweiz, Bd. XII, Basel 1959.
Das Erscheinungsjahr der vorliegenden Arbeit — einer Züricher Dissertation — darf nicht ver-
gessen lassen, daß sie im wesentlichen schon 1955 abgeschlossen vorlag. Somit mußten inzwischen
erschienene Arbeiten zu Teilaspekten (s. R. A. Maier, Bad. Fundber. 21, 1958, 7 ff., und von dem
gleichen Verfasser Germania 33, 1955 155 ff.) unberücksichtigt bleiben, wobei besonders die
letztere zur Diskussion der komplizierten Probleme des „Bodensee-Michelsbergs“ beigetragen
hätte, dem engeren Arbeitsgebiet des Verfassers.
In dem breit und sorgfältig angelegten, die ganze Michelsberger Kultur umfassenden Katalog
(S. 13—147) wird zuerst die Tonware, unterteilt in Fein- und Grobkeramik (S. 13 — 89 und
91—101), aufgeführt. Die Feinkeramik erscheint in der Gliederung: Tulpenbecher, Henkelkrüge,
Schüsseln, Hängegefäße, Flaschen, Becher, Henkeltassen, Näpfe, Schöpflöffel. Die Reihenfolge
entspricht der Bewertung, die Verf. den Einzelformen beimißt. Unter Grobkeramik fallen Gefäße
mit Schlickauftrag und „Backteller“-Gefäßdeckel. Der Tonware werden die wenigen erhaltenen
Gefäßformen aus Holz angeschlossen. Den folgenden Überschriften (S. 115—138): Töpferei,
Handwerk, Haushalt, Feldbau, Viehzucht, Fischfang, Jagd, Krieg, Flechterei, Weberei wären der
Übersicht wegen die gebräuchlichere Einteilung nach Herstellungsmaterialen vorzuziehen. Auf
das Kapitel „Tracht“ (S. 140 f.) — ein Schluß e silentio — könnte man vielleicht ganz verzichten.
Die anschließenden Titel (S. 141—147): Schmuck, Hausbau und Gräber bringen das, was man
unter ihnen suchen würde, in übersichtlicher und zutreffender Form.
In dem auswertenden Teil (S. 151—181) zeigt Verf. zunächst mit einer guten und übersichtlichen
Karte die sehr interessante Gesamtverbreitung der Michelsberger Kultur. Hervorzuheben ist die
ausführliche Zusammenstellung und kritische Sichtung der Stratigraphien mit Michelsberger
Formen. In Kapitel „B. Typologische Verhältnisse“ scheint uns die Gleichzeitigkeit von jüngerem
Cortaillod und „frühem Michelsberg“ und „Pfyner Horizont“ durch die Belege des Verf. einiger-
maßen gesichert. Diskutiert werden muß allerdings noch der Zeitansatz von „Pfyn“. Anregend
hat dabei die Behauptung des Verf. gewirkt, „Pfyn“ sei jünger als ein Michelsberg mit Tulpen-
bechern, Backtellern usw. (Dagegen: I. Scollar, Proceedings Preh. Soc. 25, 1959, 52 ff. bes. 82 ff.,
und J. Driehaus, Die Altheimer Gruppe (1960), bes. 143 ff. Vgl. auch die vom Verf. herangezo-
gene Schichtenfolge von Egolzwil II: Schicht III mit „Pfyner Henkelkrug” und „2 Michelsberger
Schöpflöffeln“; demgegenüber in der jüngeren Schicht II „7 Michelsberger Schöpflöffel“.)
Die umstrittene Herkunftsfrage der Michelsberger Kultur läßt sich u. E. erst nach einer einiger-
maßen gesicherten Chronologie innerhalb der Kultur und einer vorsichtigen Analyse der ein-
zelnen Kulturelemente — wie bei allen mittel- und jungneolithischen Kulturen — jedoch nicht
summarisch lösen. Man möchte trotz der klaren Abtrennung des nordostschweizerischen und
Bodensee-Materials von der „westeuropäischen Lagozza-Chassey-Cortaillod-Gruppe“ durch den
Verf. eine „westliche“ Komponente im „klassischen Land-Michelsberg“ für wahrscheinlich halten.
Gut faßbar scheint uns das Ende der Michelsberger Kultur durch die vom Verf. angegebenen
Stratigraphien mit Horgener Kultur zu sein.
Die Arbeit wird abgerundet durch ein vollständiges Fundort- und Literaturverzeichnis, ist also
für jede Beschäftigung auch mit Teilbereichen der Michelsberger Kultur nicht hoch genug einzu-
schätzen. Das Werk bedeutet für die schwierigen Fragestellungen des „Bodensee-Neolithikums“
einen wesentlichen Beitrag. Wir glauben, auf jeden Fall das Verdienst und den Mut des Verf. wür-

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