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Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 22.1962

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https://doi.org/10.11588/diglit.43789#0324

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Buchbesprechungen

Es läßt sich aber bei einer solchen Darstellung nicht vermeiden, daß die persönliche Interpretation
des Autors das Bild beherrscht. Gerade, wo es an Raum fehlt, um Beweise für die vorgetragene
Meinung zu geben, muß das betont werden: Die Aussagen, die wir urgeschichtlichen Funden —
unseren Quellen — abgewinnen können, sind verschiedenartig, ja oft je nach dem Standpunkt
bei ein und derselben Fundgruppe gegensätzlich. Das liegt in der noch bestehenden Unzulänglich-
keit unserer Methoden. Wenn man sich immer vor Augen hält, daß die dargestellte Version nur
eine mögliche ist, wenn auch die, die dem Autor die wahrscheinlichste dünkt, dann wird man
nicht gleich negativ urteilen, wo man anderer Ansicht ist, sondern die Argumente prüfen, die für
oder gegen die vorgebrachte Darstellung sprechen.
So möchte man die Darstellung der Jungsteinzeit vielleicht etwas weniger dramatisch haben,
wenn dadurch auch viel von der Verständlichkeit verlorenginge. Aber man muß sich doch ver-
gegenwärtigen, daß es sich hier um 1500—2000 Jahre handelt, um eine historische Epoche von
der gleichen Dauer wie unsere ganze Geschichte seit Christi Geburt! Auf was für Zeiträume ver-
teilen sich da die wenigen Kulturen! Wie allmählich können sich hier Verschiebungen angebahnt
haben, ohne „Gärung“ und „Unruhe“.
Umgekehrt kann man auch fragen, ob die Zeit der süddeutschen Hügelgräberkultur der Bronze-
zeit tatsächlich eine Zeit erster politischer Großgruppierung war, ob hier wirklich schon so etwas
wie ein „Volk“ existierte. Vielleicht müssen wir uns bis an den Beginn der Eisenzeit Zustände
vorstellen, in denen es keine größere politische Einheit als die Einzelsiedlung gab, in der
„Stämme“ nur durch gewisse gemeinsame Kulturtraditionen, die Pflege von Tauschbeziehungen
und evtl. Heiratsabmachungen verbunden waren, nicht aber in der Form, daß ein „Häuptling"
oder ein „Rat" die gesammelte Kraft zahlreicher Siedlungen zu gemeinsamen Unternehmungen
oder gar zu einer geplanten Politik hätte einsetzen können. In solchen Verhältnissen fehlen na-
türlich auch richtige Kriege, während Überfälle von Dorf zu Dorf an der Tagesordnung gewesen
sein mögen, speziell von Angehörigen eines Verbandes gegenüber denen eines anderen.
Ein derartiges Bild macht die Rolle der Urnenfelderkultur in der älteren Eisenzeit, zumal auch
in der Auffassung Kimmigs, viel leichter verständlich, als wenn man an mehr oder weniger ge-
zielte Unternehmungen denken müßte. Und vollends die Entwicklung einer Herrenschicht mit
fast „feudalen“ Zügen in der Hallstattzeit, die Kimmig so überzeugend darstellt, gewinnt vor
dem ganz anders gearteten historischen Hintergrund erst volles Gewicht.
Es würde dem Sinn einer Besprechung des Buches an dieser Stelle nicht gerecht, wollte man hier
eine andere Auffassung des Ablaufs der Vorgeschichte an die Stelle der vorgetragenen setzen. Sie
hätte — wie schon gesagt — nicht mehr Berechtigung als jene, da auch sie nur eine von meh-
reren möglichen böte. Aber auf einige wenige sinnentstellende Fehler, die wohl bei der Korrektur
übersehen wurden, muß noch aufmerksam gemacht werden, um dem Leser die Fakten klar zu
geben und die Möglichkeit zu bieten, sie bei der sicher bald nötigen Neuauflage auszumerzen:
Auf Seite 16 hätte Ulme und Linde nicht in Gegensatz zum Eichenmischwald gesetzt werden
sollen, dessen charakteristische Bäume beide ja gerade sind. War hier vielleicht an Kiefer und
Birke gedacht?
Auf der gleichen Seite war wohl gemeint, daß dem Mittelsteinzeit-Jäger und Sammler noch jede
Spur von produktiver Wirtschaft fehlt; die aneignende hatte er ja hoch spezialisiert.
Seite 18 sollte man deutlich machen, daß die technischen und sozialen Neuerungen
der Jungsteinzeit eine Folge der Seßhaftigkeit sind, bei der Domestizierung von Tier und Pflanze
aber könnte es auch gerade umgekehrt gewesen sein, nämlich daß sie die Ursache der Seßhaftig-
keit wurden. Vielleicht spricht man am besten von Wechselbeziehungen, da das eine ohne das
andere kaum denkbar, die Richtung der Kausalität aber nicht eindeutig ist. Seite 39 muß es
heißen: „Wende vom 3. zum 2. Jahrtausend v. Chr. Geb.“, da die Becher um 1900, nicht um 900
zu datieren sind.
Seite 57 ist der Vorgang „zu gelöschtem Kalk verglüht“ zu verkürzt dargestellt. Gemeint ist,
daß Kalkstein durch ein Zerstörungsfeuer zu „gebranntem Kalk“ und dieser dann durch Feuchtig-
keit wieder „gelöscht" wird und daher im Befund wie Mörtel wirkt.
 
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