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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 1.1903

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https://doi.org/10.11588/diglit.52611#0023
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Er trat an das Grab und bemerkte, dass die schönsten Blumen fehlten.
Hier hat jemand Blumen gepflückt, Vater. Das hat eine Jungfrau
getan. Ein Weib, das dem Gatten folgt, pflückt keine Blumen mehr.
Er bückte sich geschwind und löste ein langes, goldenes Haar aus
dem Ginsterstrauch. Es war dem andern gleich an Zartheit und
sonnigem Glanz. Er mass seine Länge: es reichte von der Armwurzel
bis über die Fingerspitze.
Wie lang waren der Mutter ihre Haare? fragte er und eilte in die
Höhle, setzte sich auf sein Lager und wand sich mit bebenden Fingern
das Haar um den Hals, zweimal und dreimal, bis die Enden sich
berührten. Die knüpfte er zusammen.
Er blieb auf seinem Lager sitzen und schaute zur Höhle hinaus.
Mitten im Sonnenglast stand der Vater. Ein schwarzer Schatten kauerte
zu seinen Füssen. Der Kopf hing ihm auf die Brust. Die straffen
schwarzen Haare fielen tief über die Stirn. Die Lippen waren blut-
befleckt und ein breiter dunkler Streifen von niedergeträuftem Blut ging
über die breite Weiche.
Vater, wie lang waren die Haare der Mutter? wiederholte der Sohn.
Der Vater blieb unbeweglich und sagte leise wie im Traum:
Ihre Haare waren zweimal um meine linke Faust geschlungen,
und ein Büschel von anderthalb Spangen schaute heraus.
Da rief der Sohn: du hast es doch getan, Vater!
Der Mann zuckte zusammen. Er hob das Haupt und schaute
irren Blicks in die Weite.
Ich hab’ es nicht getan! sagte er langsam, und jedes Wort war
hart und steinern.
Dann wischte er sich mit der Hand über die Stirne und sagte:
Du sollst ein Weib haben: Ich gehe morgen zu meinem Geschlecht
und hole dir eine. Wer weiss, vielleicht auch
Der Sohn sah mit Entsetzen die sich dehnende, reckende Gestalt.
Von deiner Hand will ich keine! rief der Sohn. Mir schaudert
vor deiner Hand. Ich will nur die, die mir die Mutter gibt.
Da stiess der Vater ein kurzes Lachen aus, und er schlenderte,
sich in den Hüften wiegend und die Arme schlenkernd, in die Höhle herein.
Den Sohn erfasste ein Grauen. Es war ihm, wie wenn ihm der
nahende Vater den Atem nehme. Er stand auf und neigte sich zur
Seite, damit nicht Haut die Haut berühre, und schlüpfte zur Höhle hinaus.

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