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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 1.1903

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https://doi.org/10.11588/diglit.52611#0029
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Sie schaute ihn grossen Auges an und erwiderte:
Antworte du mir! Welcher Farbe waren die Blumen?
Blau wie deine Augen, rot wie dein Mund, weiss wie deine
Brüste.
Ich habe sie gebrochen vor der Höhle am rauschenden Born.
Aus der Tiefe des Grabens?
Nein, auf einem Hügel zwischen Ginster und Heidekraut.
Der Jüngling nickte. Dann sagte er: Gib mir zu trinken!
Sie beugte sich zur Erde und hob die Muschelschale auf.
Wo soll ich dir schöpfen? Kein Quell ist da.
Schöpfe mir aus dem lebendigen Strom.
Sie ging hinunter an den Eltern vorbei, die dem Rosse einen
Weidenstrick um den linken Vorderfuss legten, und sie brachte die
gefüllte Schale.
Er trank, ohne den Blick von ihren Augen zu wenden.
Antworte mir! hub sie an. Was ist auf dem Grunde der Schale,
aus der du trinkst, zu schauen?
Er trank zu Ende, reichte ihr das Gefäss, ohne seine Augen aus
dem Strahle ihrer Augen zu lösen, und sagte:
Ein Pferd!
Mein Pferd! widerholte er funkelnden Auges mit gehobener Stimme
und reckte die Hand triumphierend in die Höhe.
Dann streckte er ihr die Rechte hin und sagte: Löse mich! Ich
bin gefesselt.
Verwundert sah sie auf seinen Arm. Da erblickte sie das goldene
Haar, das um seinen Knöchel geknüpft war, und das Morgenrot, das
hinter ihr leuchtete, glühte in ihre Wangen hinein.
Als sie den Knoten gelöst hatte, deutete er auf seinen Flals
und sagte:
Auch hier bin ich verstrickt. Entfessle mich!
Ein sonniges Lächeln spielte um ihre Lippen, und ihre Finger
zitterten.
Du lachst, wie meine Mutter lachte, sagte er leise.
Jetzt bin ich frei, wie du frei bist. Lass sehen, wie lang deine
Haare sind!
Nun lachten auch ihre Augen. Sie schüttelte ihr Haar und flüsterte:
So miss!

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