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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 1.1903

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https://doi.org/10.11588/diglit.52611#0069
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der Karlsruher Architektur ihre stärksten materiellen Resourcen. Von
der Privatarchitektur ging das Heil aus. Die Aufgaben des bürger-
lichen Wohn- und Geschäftshauses gaben einer aufstrebenden Generation
jüngerer Architekten die Gelegenheit, zu beweisen, dass auch die Be-
dürfnisse des modernen Lebens einer künstlerischen Befruchtung und
Auslösung fähig sind. Damit war der starre Bann des historischen
Formalismus gebrochen. Er hatte in der Herrschaft der italienischen
Renaissance seine schroffste und einseitigste Form angenommen: Jetzt
ging den Architekten in dem Vorbild des nordisch-mittelalterlichen
Wohnhauses und seiner Descendenten bis zur Barock- und Rokokozeit
eine Welt neuer Anregungen auf. Das Prinzip des Baues von innen
heraus: der Entwicklung der Form aus dem Zweck, das in der malerisch
gruppierenden Bauweise des Mittelalters seinen charakteristischen Aus-
druck gefunden hatte, wurde auch bei uns mit der Freude einer neuen
Offenbarung aufgegriffen und im modernen Sinne umgewertet. Die
nüchterne Abstraktheit und Einförmigkeit der akademischen Fassaden
wich einem reicheren und lebendigeren Bild. Wie sich allmählich die
menschenleere Öde der regelmässigen Strassen zu füllen beginnt, der
Pulsschlag des Lebens rascher wird, die Gesinnung der Bewohner
freier, weitherziger, so kehrt auch in das architektonische Bild der Stadt
ein Stück Originalität, Phantasie und poetischer Empfindung ein. Die neuen
Stadtteile im Westen, aparte Künstlervillen, erker- und galeriengeschmückte
Einfamilienhäuser, im Sinne der echten Vornehmheit eines kunstsinnigen
Patriziertums bis in alle Details der inneren Ausstattung künstlerisch
durchgebildet, moderne Kaufhäuser in den Geschäftsvierteln, die ihre
Bestimmung nicht verschämt hinter italienischen Pallazofassaden ver-
bergen, sondern mit ihren weitgeöffneten zwischen einer luftigen
Pfeilerkonstruktion ausgespannten Glasfenstern stolz ankünden: das
alles erzählt von der Gegenwart der Karlsruher Kunst ein freund-
liches Wort.
Aber noch mehr erwarten wir von der Zukunft. Dem neuen
Jahrhundert wird es vorbehalten sein, allenthalben wieder aufzubauen,
wo das vergangene niedergerissen hatte. Wir waren im besten Zug,
für ein beispiellos imposantes Schauspiel materieller Kulturentwicklung
den letzten Rest künstlerischer Kultur dahinzugeben. In letzter Stunde
ist uns das Gewissen wieder erwacht. In einer so jungen Stadt, wie
Karlsruhe, deren Vergangenheit zum grossen Teil mit den trübsten

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