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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 1.1903

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https://doi.org/10.11588/diglit.52611#0076
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Mich konnte sie gut leiden; wir plauderten gerne zusammen, und
sie war besonders mit meinem Geschmack sehr zufrieden, weil ich ihr
sehr deutlich zeigte, wie berückend ich sie fand. —
Ihre Verehrer fanden das übrigens auch; doch verschwand immer
wieder der Eifrigste aus ihrem Gefolge, und man wusste den Grund,
sie schlug jeden Heiratsantrag aus. —
Ganz entzückend war ihre kleine Wohnung eingerichtet, und meine
grösste Freude war, sie in hellem losem Gewände auf dem Divan ihres
Boudoirs ruhen zu sehen.
Eines Mittags, als wir von einem Spaziergange heimgekommen,
quälte ich wieder: „Bitte Frau Anje, umkleiden, hinliegen, Sie wissen,
dann bin ich ja ganz verliebt in Sie.“
„Unsinn, sagte Frau Anje kurz, ich bin heute gar nicht dazu auf-
gelegt, ein andermal.“
Wir plauderten. — — Es klingelte. Das Mädchen meldete einen
gemeinsamen Bekannten; einen kranken asketisch blickenden Mann:
der beste Freund ihres verstorbenen Gatten.
Sie sprang auf: „Gehen Sie und empfangen Sie ihn drüben, Sigrid,
und wenn ich schelle, kommen Sie beide in mein Boudoir“.
Nach einigen Minuten erklang das Zeichen und wir gingen zu ihr.
„Zufrieden, Sigrid?“ lachte sie.
„Tag Doktor,“ und sie streckte dem Manne beide Hände entgegen.
Sie lag auf dem Divan, über den weisse weiche Felle gebreitet
waren; ein weisses Gewand, reich mit schneeigem Pelz verziert, umhüllte
sie lose;-sie zündete eine Zigarette an und bat auch uns zu
rauchen; sie legte den einen Arm unter den Kopf, der weite griechische
Ärmel fiel ganz zurück und der weisse elfenbeinfarbene Arm schimmerte
und lockte. — — —
Alles matt weiss; ein Rausch von weissen, blonden, schimmernden
Tönen — — —
Wir sassen auf kleinen niederen Taburetts neben der Stehlampe,
deren Zartrosaschirm einen Hauch von Wärme auf das Bild warf; — —
Frau Anje plauderte; sprühend, übermütig, der kleine rote Mund glühte
in all dem Weiss. —
Dem Doktor wurde wohl zu warm, — er ging bald. —
„Frau Anje, frug ich nachher vorwurfsvoll, wenn Sie schon einen
toll machen, doch nicht den kranken Doktor!“ —

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