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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 1.1903

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https://doi.org/10.11588/diglit.52611#0078
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„JUGEND.“

Von JOHANNA
WOLLF-FRIEDBERG.

„Fertig“, rief sie, sprang sämtliche Stufen der Veranda auf einmal
herab, warf die schweren, blonden Zöpfe ungeduldig zurück und flog
förmlich durch den Garten, dann gings die hügelige Bergwiese hinauf —
hoch hinauf, und dort warf sie sich mit einem jubelnden Jauchzen in
ein aufgeschichtetes Heubündel.
Nur die jüngeren Kinder kletterten ihr nach und begannen ihr täg-
liches Besuchspielen im Heu. Doch spielten sie ziemlich entfernt von
Anita, die jedes Kind, das sich in ihre Nähe wagte, erbarmungslos den
Hügel hinab rollte.
Unten plauderte die erwachsene Jugend und Anitas Altersgenossinnen
spotteten über das wilde Ding da oben, das ihnen viel zu kindlich und
bubenhaft war.
Gert stieg langsam seiner kleinen Cousine nach. Anita amüsierte
ihn, ach, wie war sie wild und stark und übermütig, so wie er sich die
wünschte, die so sanft und zart war, und die er so sehr liebte
Anita richtete sich auf, als Gert oben angelangt war, und frug ihn
hastig: „Sag mal, Gert, bist du schon mal verliebt gewesen, nein — nicht
verliebt, das ist natürlich, aber hast du jemand schon ganz lang und
ganz toll lieb? —■
„Und wie“, sagt Gert ernst — „zum wahnsinnigwerden ist mir’s —
ach, du Kind, du Backfisch mit deinen siebzehn Jahren, sei froh, dass
du noch so neugierig fragen kannst, und nichts ahnst und weisst“-
Das Lachen Anitas, ein helles, tolles Auslachen, liess ihn seine schöne
Rede nicht beenden.
„Also du auch schon!“ Und mit einem tiefen Seufzer liess sie sich
ins weiche Heu zurückfallen, legte die Hand über die Augen und sprach
nichts mehr. Gert starrte eine Zeitlang den unheimlich klaren, tiefblauen
Himmel an, dessen Farbe ihn an jene süssen, blauen Augen erinnerte;
ganz von selbst, ohne dass Anita frug, fing er an, von seiner Liebe zu
erzählen. Sie sei so alt, wie, Anita, ein feines, süsses Geschöpf, so un-
sagbar herzig — und so unnahbar ahnungslos, dass er gar nicht den
Mut fände, ihr’s nur einzugestehen — er, keinen Mut, er, der tolle Gert!
Und bei Bällen hatte er reine Wutanfälle; denn er, der junge,
unbekannte Student, hatte zu allerletzt ein Recht auf sie; lieb sei sie zu

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