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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 1.1903

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https://doi.org/10.11588/diglit.52611#0100
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Die Möschenmoserin knixte wieder, fuhr sich mit dem Handrücken
über den Mund und dann über die bunte Schürze, die, länger als der
weite Faltenrock, ihr beinahe bis auf die prallen weissen Strümpfe und
niederen Lederschuhe hing.
Die Geberde hatte etwas bedeutungsvolles, sie hiess in Worte über-
setzt: „’s halb Muul lass ich immer daheim, wenn ich mit em Meister
gang; jetzt aber tät’s Not, ich kleb mei anner Hälft auch zu“.
Frau Sybille Möschenmoserin war eine ehrbare Witwe in „be-
standenem“ Alter, die dem ledigen Herrenmüller seit beinah zwanzig
Jahren die Wirtschaft besorgte. Ihr eigener Mann war Nagelschmied
gewesen und früh gestorben. Hinterlassen hatte er ihr nur ein Haus,
das so baufällig war, dass weder jemand drin wohnen konnte, noch
die Reparaturkosten dran rücken mochte. Ausserdem besass sie noch
einen kleinen Buben. Da war es ein rechtes Glück, dass der Herren-
müller sie eines Tages mit einer Holzfuhre von St. Peter hinunter in
sein schönes Anwesen nahm. Sie lohnte ihm diese Wohltat, sie wusste
was Brauch ist. Sogar ihre stärkste Leidenschaft, das Schwatzen, hielt
sie aus Ehrfurcht vor ihm in Grenzen. „Der Meister ist der Meister,
dem gehört Rehspeck“, bemerkte sie.
Und wenn der Herrenmüller sie mit sich zu Markt in die Stadt
nahm — er tat das oft ■— so ging sie unentwegt einen und einen
halben Schritt hinter ihm her. Dabei trug sie unter dem Arm eine
„lange Zaine“ voll Butter, Eier, Schinken und dergleichen wertvolle
Erzeugnisse der Landwirtschaft, die bestimmt waren, teils verkauft, teils
an des Herrenmüllers Freunde als „guter Wille“ verschenkt zu werden.
Von der Anstrengung des Tragens und der heimischen Wälder-
tracht, die in das viel wärmere Klima des Kaiserstuhls nicht recht passte,
wurde der Möschenmoserin meist heiss, zumal, da sie zum „Einbischen-
starksein“ neigte. Dies alles, im Verein mit ihrem fröhlichen Gemüte,
machte, dass man sie selten anders sah als schwitzend und lächelnd.
So war sie auch heute gekommen mit einem Korb, der gar nicht voll
und doch fürchterlich schwer gewesen, und den sie auf einen Wink
des Müllers im Hausflur des Grethmeisters niedergestellt. Sie selbst
sass als Schildwache daneben.
Es ward ihr gar nicht langweilig: „ein Weibervolk hat immer was
zu denken“, erklärte sie einst einer zerstreuten Dirne. So wartete sie,
bis des Meisters Ruf an ihr Ohr drang.

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