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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 1.1903

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https://doi.org/10.11588/diglit.52611#0101
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Und nun holte sie auf sein Geheiss den Korb. Sie stellte ihn mit
einem kleinen Krach auf den Tisch.
„Was macht der Bub, Möschenmoserin?“ fragte Jost Balthasar
freundlich.
„Uh je, Herr Grethmeister“ — die Witwe schnappte vor Wonne,
dass sie von ihrem Herzblatt zu reden ermächtigt ward — „so ein Bub,
wie der Bub, so einer lebt nimmer. Er ist dann ein Bäck. Jetzt haben
sie ihn aber bei den Soldaten. Man kann ihn an allen Orten gar
brauchen. Aufs Jahr wird er frei, dann heirat er.“
Sie fingerte in ihrer Tasche und zog, nachdem sie zwei Brillen,
ein Nastuch und diverse Schlüssel zu Tage gefördert, mit einem kleinen
Freudenjauchzen ein Bild heraus, das sie den Männern vorzeigte. Es
war ein koloriertes Daguerreotyp, eines jener zweifelhaften Kunstwerke,
die als scheussliche Vorläufer unserer Photographien heute belächelt
werden. Ein Dutzend Kriegerfiguren, wie aus Holz gedrechselt, standen
in schnurgerader Linie. Die Gesichtszüge des einzelnen waren ver-
schwommen, gelblich, mit einem aufgesetzen roten Backenklex, der
samt dem satten Grau der Uniform und den Messingbuckeln des
von Pferdehaarsträhnen wie von einem Wasserfall überrieselten Helmes,
hübsche Farbenkontraste bildete.
„Das ist Meiner! wenn ihr gütigst erlaubet“, erläuterte die Witwe,
„der wo ihm am Bein der schwarze Dolgen1 ist. Er hat ein Kreuz
gemacht, dass ich ihn kenn, denn das Gesicht ist gar klein und die
Soldaten kennt man nicht an der Montur. An nichts als am Gesicht
kennt man sie. „Der leichtsinnige Bub!“ denk ich, „so ein Kreuz
könnt Unglück bedeuten“. Was mach ich? Ich geh und schmier es
aus mit Sackzeichenfarb. Da ist’s rund. Dem Runden kann der Teufel
nicht an.“
„Möschenmoserin, es ist genug. Sie kann draussen warten. Wir
Mannen wollen allein sein“, bedeutete der Müller zart.
Die Witwe ging, um abermals ihren Wachtposten auf der Flur-
bank zu beziehen. Dort sann sie ungestört über ihren Valentin nach
und weinte vor Seligkeit ein Stücklein herunter in Aussicht auf
kommende Zeiten, wo er verheiratet sein und so unmenschlich gutes
Brot backen würde, dass alle Leute von ihm allein zu kaufen
begehrten.
i Fleck, Kl ex.

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