Vereinigung zur Erhaltung Deutscher Burgen [Editor]
Der Burgwart: Mitteilungsbl. d. Deutschen Burgenvereinigung e.V. zum Schutze Historischer Wehrbauten, Schlösser und Wohnbauten — 29.1928

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Die Ortsbefestigung von Rhens am Rhein.

Von Or. Hans Vellinghausen, Koblenz.

Nachdruck verboten!

Rhein zwischen Boppard und Koblenz, schräg gegenüber dem Städtchen Braubach und der von hohem
ins Tal hinab schauenden Marksburg, liegt der heute etwa 2000 Einwohner zählende Ort Rhens,
I u weniger bekannt durch seine wirtschaftliche Bedeutung als oftmals genannt ob des in seiner Nähe gelegenen
„Königsstuhles", auf dem im Mittelalter die deutschen Kurfürsten den Deutschen König zu wählen pflegten.
Rhens ist eine uralte Siedelung, deren Gründung sich in dem Dunkel der Vorgeschichte verliert. Ihr Name
und der des Rheines find einheitlicher Abstammung; beide bedeuten „fließendes Wasser". Schon in der älteren Stein-
zeit war diese Stätte besiedelt, und auch aus mancher der späteren Kulturperioden sind hier Funde gemacht worden,
die auf eine Besiedelung hinderten. Sicherlich haben auch in der Römerzeit Menschen hier gewohnt, wenngleich
Spuren aus jenen Jahrhunderten bis jetzt hier noch nicht nachgewiesen sind. Dagegen bezeugt ein großes Gräberfeld
auf der hinter dem Ort gelegenen Anhöhe — Schamberg genannt —, daß Rhens in der frühen Frankenzeit eine nicht
unbedeutende Wohnstätte gewesen sein muß.
Urkundlich erwähnt wird der Ort zum ersten Male im Jahre 874. Schon um diese Zeit besaß die Kölner Kirche
hier Grundeigentum und andere Besitztümer, von denen wohl das Patronatsrecht des Kölner St, Ursülastiftes und
die kurkölnische Landeshoheit abzuleiten ist, unter der der Ort — abgesehen von mehreren z. T. langandauernden Ver-
pfändungen — bis zum Ende des 18. Jahrhunderts stand.
Schon in fränkischer Zeit scheinen zu Rhens Fürstenzusammenkünfte stattgefundenzuhaben. In einer Burg am
Rheinufer, die dort lag, wo sich heute das um 1581 erbaute „Deutsche Haus" erhebt, soll auch Kaiser Karl der Große
auf seiner Rheinfahrt von Ingelheim im Jahre 807 eingekehrt sein. Zweifellos sind die Grundmauern dieses Hauses,
seine Kelleranlagen mit den wuchtigen Gewölben und den unterirdischen Brunnengüngen noch Überreste aus frän-
kischer Zeit. Auch der heute neben ihm, unmittelbar am Eisenbahndamm, gelegene „Alte Saal", dessen mächtiges
Mauerwerk kaum 1 m tief in der Erde fundiert ist, gehörte wohl zu dieser Burg. Sie wird wohl frei am Rheinnfer
gestanden haben; noch heute sind am „Alten Saal" die nach der Flußseite hin gerichteten Schießscharten zu sehen.
Mehrmals finden wir Rhens in Urkunden des frühen Mittelalters erwähnt: 941 schenkte der Kölner Erzbischof
Wichfried dem Kölner Cäcilienkloster Weinberge und Weinrenten in Rhens; 962 erhalt dasselbe Kloster vom Kölner
Erzbischof Bruno I. abermals Ländereien in Rhens zum Geschenk; 1160 verleiht Erzbischof Hillin von Trier dem
Kölner Ilrsulastift Zehntrechte daselbst.
Kurze Zeit später finden wir Rhens unter der Vogtei des Grafen Heinrich von Saffenberg, der den Ort von
der Kölner Kirche zum Lehen erhalten hatte. Jedoch schon 1174 löste Erzbischof Philipp I. von Heinsberg diesen
Lehensvertrag und brachte Rhens durch Zahlung von 200 Mark wieder an das Erzstift Köln zurück.
Kein anderer Ort am Rhein hat von nun ab in den folgenden Jahrhunderten bis in die Neuzeit hinein wohl so
oft seinen Herrn gewechselt wie Rhens. Sei es, daß die beständige Geldnot des Kölner Erzstiftes der Grund war,
oder sei es, daß politische Erwägungen den Beweggrund bildeten, kurz: Rhens, der außerhalb des eigentlichen Stamm-
landes inmitten anderer Herrschaftsgebiete gelegene kölnische Sprengel, wurde immer wieder an andere Herren ver-
pfändet. 1182 erhält ihn der Erzbischof von Trier, und 1255 wird der Ritter Friedrich von Schonenburg — die Schön-
burg liegt bei Oberwesel —- für kurze Zeit sein Pfandherr.
Rhens war damals ein offenes Dorf, daß außer seiner Burg keinerlei Befestigungswerke oder Ortsmauern besaß.
Seine Einwohner bestanden aus Fischern, aber auch Ackerbau, Obst- und besonders Weinbau wurden fleißig betrieben.
Mit Beginn des 14. Jahrhunderts gelangt der Ort auf einmal zu besonderer Bedeutung. Der Umstand nämlich,
daß hier die Länder der vier rheinischen Kurfürsten zusammenstießen, ließ ihn zu politischen Beratungen als äußerst
geeignet erscheinen. Lahnstein mit der Burg Lahneck gehörte dem Kanzler des Deutschen Reiches, dem Kurfürsten
von Mainz, Kapellen mit Schloß Stolzenfels besaß der Kurfürst von Trier, Braubach mit der Marksburg gehörte zur
Kurpfalz, und Rhens selbst war im Besitz des Kurfürsten von Köln. Nach geschichtlich beglaubigter Nachricht fand die
erste Wahlzusammenkunft der Kurfürsten zu Rhens im Jahre 1308 statt, und zwar handelte es sich damals um die Wahl
des Grafen Heinrich von Luxemburg zum Deutschen König. Dieser Wahlvorgang, der Heinrich VII. auf den Thron
brachte, fand am 27. November statt. Er muß sich in den Räumen der alten Rhenser Burg abgespielt haben, denn es
ist nicht anzunehmen, daß die Kurfürsten in dieser Jahreszeit bei dem gewiß doch kalten Wetter die langen Verhand-
lungen unter freiem Himmel gepflogen haben, wie dies in späteren Jahren zur Sommerszeit des öfteren vorgekommen
ist. Es soll jedoch hier nicht näher auf die zu Rhens stattgehabten Fürstentagnngen eingegangen werden, unter denen
der in der deutschen Geschichte des Mittelalters so bedeutungsvolle „erste Kurverein" im Jahre 1338, ferner die Wahl
Kaiser Karls IV. im Jahre 1346, die seines Sohnes Wenzel im Jahre 1376 sowie die Erhebung Ruprechts von der
Pfalz zum König im Jahre 1400 wohl die bedeutendsten Ereignisse waren, die Rhens und die rheinabwärts vor dem
Ort gelegene Wahlstätte — „xomerium iatnr nuoss" —, auf der im letzten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts der
sogenannte „Königsstuhl" errichtet wurde, erlebt Habens.

0 Der alte Königsstuhl, der während des 30 jährigen Krieges in Verfall geriet, wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts bei der
Anlage der rheinischen Heerstraße gänzlich beseitigt. Das jetzige Bauwerk ist im Jahre 1813 neu errichtet worden.
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