Hochschule für Industrielle Formgestaltung [Editor]
Designtheoretisches Kolloquium — 15.1994

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Horst Oehlke

Zum Anliegen

und zu den Erwartungen an
das Kolloquium

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Zunächst zum Titel dieses Kolloquiums.

Ein Titel trägt erst einmal nur die Absicht.
Hätten wir knapp „Designethik“ gewählt, würde
das bereits eine definitive Existenz suggerie-
ren. Auch „Ethik im Design“ behauptet eine in-
härente Qualität, die zu beweisen wäre.
Deshalb „Design und Ethik“ in gegenseitiger Be-
stimmung und in wechselseitigem Wirken.

Unter diesem Aspekt wäre nämlich nicht nur da-
nach zu fragen, wie eine je vorhandene ethi-
sche Haltung Handlungen im Design motiviert,
sondern auch, wie bestimmte Sachverhalte, an
denen Design mitwirkt, oder die es gar sicher-
stellt, vorhandene ethische und moralische
Grundsätze, seien sie bewußt oder nicht, erfor-
dern,. verändern, vielleicht gar verdrängen.

Das Thema und seine Problematik ist durchaus
nicht neu. Das Ethische ist in der Gestaltung
und vom industriellen Design von Beginn sei-
ner Entwicklung an als dem gegenständlichen
Sachverhalt inhärent betrachtet worden und hat
lange Zeit und zum Teil bis heute zur Legitima-
tion der professionellen Tätigkeit gedient.

Mit bestimmten Entwicklungen der wirtschaftli-
chen Prosperität und über die dabei vollzoge-
nen sozialen Strukturveränderungen, man kann
vielleicht etwas verkürzend sagen, mit den
illusionierenden Bedingungen, die in einigen
hochindustrialisierten Ländern sich dabei ein-
stellten, geriet dieser Zusammenhang nicht
schlechthin immer mehr in Vergessenheit, son-
dern wurde teilweise geradezu verdrängt.

Mit dem Kater nach einigen düsteren Ereignis-
sen industrieverursachter Umweltkatastrophen
wie Soweto und Tschernobyl, wird wieder be-
wußt, daß es da bestimmte Regeln zu beach-
ten gilt. Doch wer stellt sie auf?

Die kontrollierenden Ämter in Absprache mit
einer hartnäckigen Industrie z.B. über Be-
lastungskennziffern? Oder gibt es da etwas
grundsätzlich zu korrigieren, in den Lebensver-
hältnissen, in der Art und Weise mit bestimm-
ten Dingen umzugehen?

Auch: Ist unsere Problemstellung unter Umstän-
den marginal, unbedeutend für globale Pro-
zesse und angesichts von Vorgängen und
Prognosen, die nicht nur einzelne Völker son-
dern die Menschheit insgesamt betreffen? De-
sign ist sicher nicht das Wichtigste im Leben
des Einzelnen, und auch nicht der Gesellschaft,
zumindest kann es das nicht in der heutigen
Ausprägung als Stimulanz für überzogenes
Konsumverhalten sein.

Es kann und wird aber außerordentlich wichtig,
wenn es darum geht, neue Maßstäbe des Um-
gangs mit den Lebensmitteln (im umfassenden
Sinne) zu setzen.

Eines der hier schon formulierbaren Probleme
ist, ob Design in der bloßen Vermittlung von
Vermarktungs- und Kaufinteressen befangen
bleibt, oder ob es zusammen mit Unternehmen
und Wirtschaften sich einbringen kann für ver-
nünftige Alternativen?

Sicher ist auch hierzu zu sagen, daß es schär-
fere Konflikte gibt, als diesen des Design.

Heute zu sagen, der Mensch lebt nicht vom Brot
allein, ist unter bestimmten Voraussetzungen zy-
nisch, wenn es vor allem aus dem Munde der
Reichen, zu denen wir gehören, kommt. Aber
selbst Wohlhabende, möchte man meinen, soll-
ten doch nicht nur für ein Haus voll Industrie-
güter als Vorstufe zum Müll leben.

Ist unser Thema und Anliegen am Ende gar
standes- und berufsschädigend? Ein Volltreffer
ins eigene Tor? Wo es doch aus jedem Fach-
blatt tönt, wie man sich einzubringen hat, um
Erfolg zu haben! Wollen sich hier einige als
Mahner aufspielen?

Hier formuliert sich schon ein weiteres Problem,
nämlich das von Existenzsicherung (genauer:
Sicherung der eigenen Existenz) und Verlaut-
barungen über Lebens- und Umweltqualität.
Sicher ist diese Argumentation sehr verkürzt um
als sachlich gelten zu können, abersie existiert.

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