Hochschule für Industrielle Formgestaltung [Editor]
Designtheoretisches Kolloquium — 15.1994

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Horst Oehlke

Design im Konflikt von An-
spruch und Realität

Zum Anspruch

Das Auftreten von Gestaltung im Sinne von
Design ist in seiner geschichtlichen Entwick-
lung von Anbeginn mit ethischem Anspruch ver-
bunden und seine gesellschaftliche und pro-
fessionelle Tätigkeit wird von Anfang an mit
moralischer Argumentation legitimiert, wenn
auch in den jeverschiedenen historischen Kon-
texten und je nach dem Selbstverständnis de-
rer, die sich zu Wort melden, verbunden und
verpackt mit kulturbringenden und -schaffenden
Ansprüchen (von Semper bis heute), mit sozial-
reformerischen Absichten (Morris und das Bau-
haus in Dessau unter Hannes Meier) oder auch
gleich mit national-ökonomischeb Zielen (Teile
des Deutschen Werkbundes / Muthesius).

Keiner der Bünde und Schulen vom Werkbund,
über das Bauhaus, die HfG in Ulm, das Design
in der DDR glaubte auf diesen Trumpf der
ethisch fundierten Zielsetzung verzichten zu
können. Hier beziehe ich mich vor allem auf die
deutsche Linie.

Wenn auch Arthur Pulos seine Geschichte des
nordamerikanischen Design „The Amecican
Design Ethic - from pioneer days to 1940“ nann-
te, so weist die nordamerikanische Tradition die-
se schlüssig ungebrochene Tradition der ethisch
motivierten Argumentation nicht auf. Die prag-
matische Grundhaltung und das weitgehende
Fehlen ideologielastiger Diskurse dürften diese
andere Tradition im Nachdenken über Design
begründet haben. Dafür war z. B. Raymond
Loewy auch lange Zeit Zielscheibe europäi-
scher, besonders deutscher Designerkritik. Erst
mit der völligen Einbettung des Industrie-Design
in die wirtschaftlichen Stukturen und seine per-
fekte Instrumentierung für Unternehmens-
belange wird auch Loewy als Pionier des
Industrie-Design hierzulande geschätzt.

Das moralisch-ethische Argumentationsmuster
wurde neben dem wirtschaftlich-ökonomischen
nicht zuletzt besonders im ICSID gebraucht, von
seiner Gründung als Dachorganisation der
Designea'erbände bis heute. Wenn auch, wie
angesprochen, die heutige Auseinandersetzung
um die Funktion und Wirksamkeit von industri-
ellem Design von einer ursprünglich euphorisch
behaupteten immer mehr zu einer kritisch for-
dernden moralischen Instanz sich wandelt.

Die im Design benutzten Argumentationsmuster
wie „Der Designer als Anwalt des Nutzers“ oder
die Formel von der „Moral der Gegenstände“
sprechen dem Design und den Designern Ver-
antwortungen zu, die diese zunächst auch
durchweg mit Sendungs-bewußtsein in der
Nachkriegszeit und mit Koordinierungsanspruch
in der später florierenden Wirtschaft vertraten,
ungeachtet der Ordnungskämpfe mit anderen
Disziplinen, die an der Planung, Herstellung und
Vermarktung von Industrieprodukten gleicher-
maßen und wohl auch meist mit unmittelbare-
rem Zugriff zu Entscheidungen beteiligt waren.
Die geforderte und behauptete moralische Qua-
lität der gegenständlichen Designobjekte wur-
de in der Folge dann nahezu gleichgesetzt mit
Designqualität überhaupt, woraus sich schlüs-
sig ergibt, daß am Ende des Gestaltete von
vornherein eine eigene höhere Moral besitzt.
Hier gilt analog eine Bemerkyng, die ich vor län-
gererZeit einmal zu lesen bekam, deren Autor
ich aber leider nicht mehr parat habe.

Zitat: „Viele Menschen glauben, sie haben ein
gutes Gewissen, in Wahrheit haben sie aber nur
ein schlechtes Gedächtnis.“ In unserem Zusam-
menhang müßte es „Denkvermögen“ heißen.

Das wäre zunächst die naive Spezies im De-
sign. Es gibt aber auch die berechnende bei
Unternehmen wie bei Designern, für die die
neuen Argumentationsmuster mehr oder weni-
ger nur Material und zweckvolles Mittel sind,
unreflektierte unternehmerische Ziele und indi-
viduelle Interessen argumentativ zu unterma-
len und durchzusetzen.

Seitdem vor allem Technik und Industrie in öko-
logischer Hinsicht nicht mehr so euphorisch
gehandelt werden, hat sich auch im Design die
kritische Sichtzur eigenen Tätigkeit wiederver-
stärkt. DerAnspruch, auch hier wieder wesent-
lich mitzuwirken, wird nun zum Teil mit einem
schlechten Gewissen eingefordert.

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