Hochschule für Industrielle Formgestaltung [Editor]
Designtheoretisches Kolloquium — 15.1994

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Bernd Meurer

Zivilisationsgestaltung

Zur Ethik gehört die Frage der Verantwortung
oder, wie es in der Philosophie der Ethik heißt,
der sittlichen Verantwortung. Die Debatte über
gestalterische Verantwortung ist so alt wie die
industrielle Entwicklung. Der Begriff der Ethik
blieb in dieser Debatte bislang eher im Hinter-
grund. Man sprach und spricht von sozialer
Verantwortung, von kultureller Verantwortung,
von ökologischer Verantwortung und zivilisato-
rischer Verantwortung.

Seit einiger Zeit erlebt der Terminus Ethik eine
Art öffentliches Revival, auch bei den Designern.
Den diesjährigen ICSID Kongreß in Glasgow
durchzog er wie eine magische Formel. In der
nächsten Ausgabe der 'form' erscheint eine
Umfrage unter dem Titel ‘Braucht das Design
eine neue Ethik’.

Aber was ist gemeint, wenn von Ethik gespro-
chen wird. Geht es um Ethik als etwas, woran
man sich vorgeblich halten kann, um Ethik, ver-
standen als ein von staatlichen oder anderen
Organen gesetztes Normativ, das für alle ver-
bindlich sein soll und gerade dadurch den Ein-
zelnen hindert, selbständig Verantwortung zu
entwickeln. Oder geht es im Gegenteil um die
ethische Verantwortung des Einzelnen, besser
gesagt aller, um die Entfaltung der Fähigkeiten
und Möglichkeiten des Einzelnen, schöpferisch
verantwortlich zu handeln.

Auf dem ICSID Kongreß wurde der Ruf laut nach
einer neuen, wie Stefano Marzano von Philips
in seinem Referat formulierte, „moralischen
Richtlinie für Designer“, nach einem „Gremium,
das moralische Maßgaben für Designer, Unter-
nehmen und Regierungen erarbeitet“.

Diese Formulierungen stimmen mich bedenk-
lich. Sie stehen in Widerspruch zu dem Gedan-
ken, entwerferisch selbstverantwortlich zu
handeln. Moralische Richtlinien und Maßgaben
besitzen einen antiliberalen Kern, eine regle-

mentierende, von Eigenverantwortung entbin-
dende Wirkung, die jene „selbstverschuldete
Unmündigkeit“, von der Kant vor mehr als zwei
Jahrhunderten sprach, weiter perpetuiert.

Ich gehe davon aus, daß auch Marzano bei dem
Gedanken an ein, sagen wir mal ‘Amt für ethi-
sche Formgestaltung’ im Europäischen Minister-
rat oder sonst wo, von Entsetzen gepackt würde.
Wenn es aberzu den geforderten „moralischen
Richtlinien“ käme, sind Designfunktionäre, die
sich berufen fühlen, nicht weit und Design-Amt-
männer, die für Einhaltung sorgen wollen, auch.

Aber wie weit sind Vorschläge wie der von
Marzano von dieser Horrorvision wirklich ent-
fernt, wenn er sagt, „vonnöten ist eine ‘Etica
Nuova', eine universale Ethik“ und dem ICSID
vorschlägt, ein Gremium zu bilden, dessen Au f-
gabe darin bestünde, „einen umfassenden mo-
ralischen Kodex zu erstellen“.

Nicht neue „Richtlinien für Designer“ brauchen
wir, nicht „eine universale Ethik“, sondern Ent-
würfe selbstverantwortlichen Handelns, die, ver-
standen als Prozesse, immer wieder neue
Fragen aufwerfen. Selbstverantworfliches Han-
deln impliziert, Entscheidungsstrukturen jenseits
der Prinzipien der Wachstumsökonomie zu ent-
wickeln, einschließlich des dafür erforderlichen
Instrumentariums gesetzlicher und ethischer
Übereinkünfte.

Die Grundlage solcher, auf entwerferische
Selbstverantwortung gerichteter gesellschaftli-
cher Übereinkünfte kann aber nicht eine für alle
verbindliche Moral bilden, sondern hätte in de-
mokratischen Verfahrensregeln zu liegen, die
immerwiederneu in konfliktvollen Lernschleifen
erarbeitet werden müssen.

In dem Ruf nach einem moralischen Kodex klingt
die Versuchung an, den zivilisatorischen Proble-
men mit autoritären, bürokratischen Mitteln zu
begegnen statt die Frage zu stellen, wie sich mit
mehr Selbstverantwortung mehr Freiheit, mehr
Demokratie und zugleich mehr Kontrolle entwik-
keln lassen.

Die Frage entwerferischer Verantwortung ver-
weist auf den zivilisatorischen Kontext, aus dem
Design hervorgeht und den es zugleich formt.

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