Hochschule für Industrielle Formgestaltung [Editor]
Designtheoretisches Kolloquium — 15.1994

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Michael Suckow

Von guten Zwecken

und geheiligten Mitteln -

Vermutungen

über eine Ethik

der Gegenständlichkeit

Das Wort ‘Ethik’ ist uns allen geläufig. Jeder
verbindet damit spontane Vorstellungen von
seinen konkreten Bedeutungen. Ganz allgemein
wird wohl darunter „sittliches Handeln“ verstan-
den. „Sittlich“ ist, was die Existenz meiner Per-
son und der sozialen Gruppe, der ich angehöre,
gewährleistet, und zwar in einer angemessenen
und würdigen Weise. Der existentielle Aspekt
der ethischen Anforderungen an mein Verhal-
ten ist der allgemeine - Größe und Struktur
meines sozialen Zusammenhangs und die je-
weilige Qualität von Angemessenheit und
Würde bleiben zu definieren. Hier ist auch
eine etymologisch ursprüngliche Bedeutung
des Wortes 'Ethik’ - vom griechischen 'ethos’
kommend - aufgehoben: die Besonderheit ei-
nes W o h n ortes, von Lebensgew o h n heiten,
also von spezifischen Mustern des Verhaltens,
die schließlich eine gewisse normative Funk-
tion bekommen.

In den komplexen, hochdifferenzierten Gesell-
schaften der Gegenwart stellt sich dieser einfa-
che Zusammenhang entsprechend kompliziert
dar: Im Geflecht der sozialstrukturellen Differen-
zierungen und der entsprechenden Interessen-
lagen bilden sich die Systeme ethischer
Verhaltensanforderungen. Der grundlegende
existentielle Aspekt kann aber wohl weiterhin als
verbindlich gelten.

Das Thema des Kolloquiums wirft das Problem
auf, wie eine ethische Fragestellung an das
Design als Profession bzw. an die Designer als
professionell Handelnde gerichtet werden kann.
Die den meisten Programmatiken zugrundelie-
gende Forderung lautete einfach:

Designer formen Lebensbedingungen - also
sollen sie das Leben verbessern!

Die hier sich äußernde grenzenlose (Selbst-)
Oberschätzung des Designs ist bereits häufig
kritisiert worden.

Vielleicht kann man die Frage besser so stel-
len: Wo ist in den gegenständlichen Beziehun-
gen von Menschen etwas ethisch relevantes
aufzufinden, woraus sich wiederum Prämissen
für die professionelle Arbeit von Designern ab-
leiten lassen?

Man hat ethisch-normative Handlungsanfor-
derungen an Designer seit den frühen Tagen
dieser Profession formuliert. Sie bewegen sich
zwischen den Polen einer aufklärerisch gemein-
ten Ehrlichkeit/ Wahrhaftigkeit im Formalen von
Gegenständlichkeit und der Qualifizierung der
Gebrauchstätigkeiten sowie der Entlastung des
Lebensraumes und der Psyche der Menschen
vom Druck der Gegenstände.

Dafür zwei Beispiele:

L. Kühnes „Tassengleichnis“ (Gegenstand &
Raum):

Ein Mann, der eine haltbare Tasse als Trinkge-
fäß sucht, gerät in einen Interessenkonflikt mit
den Herstellern und Verkäufern von Tassen.
Diese erreichen durch die Strategie der
Vermüllung -d.h. die Haltbarkeit derTassen wird
mit Absicht verringert- und der Bekunstung und
Vermodung -d.h. für das Bedürfnis nach Dau-
erhaftigkeit, Schönheit und ästhetischer Ab-
wechslung wird die Sammeltasse erfunden-,
daß der Mann letztendlich nicht nur eine Tasse,
sondern viele, schnell zerbrechende Trink-
tassen, eine Mülltonne und eine große Vitrine
voller schöner Sammeltassen besitzt.

Das andere Beispiel: Gert Selle verweist in ei-
nem seinerTexte auf Robert Musils „Mann ohne
Eigenschaften“, der, durch Erbschaft zu Geld
und einem großem Haus gekommen, sich der
unerwarteten Mühe, dieses standesgemäß, also
nach den ästhetischen Standards seiner sozia-
len Sphäre, einzurichten, leichthin entzieht, in-
dem er die Auswahl der Möblierung vollständig
den Lieferanten überläßt.

Kühnes wie Selles Anerkennung gebührt einem
Gebraucher, der sich der Gefangennahme
durch die Gegenstände zu entziehen weiß: Der
Mann mit den Tassen entledigt sich ihrer schließ-
lich; der „Mann ohne Eigenschaften“ ignoriert
sie schlicht.

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