Hochschule für Industrielle Formgestaltung [Editor]
Designtheoretisches Kolloquium — 15.1994

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Günter Höhne

Über den Gebrauch und
Mißbrauch von Begriffen
und die Unmöglichkeit,
Besserung zu erwarten.

Ich will über zwei in ihrer öffentlichen Reichweite
und Tiefenwirkung einzigartige Multiplikatoren
ethischer Grundwerte und Verhaltensmuster
und deren tragische Beziehung zueinander
sprechen:

über Design (lassen Sie mich im gleichen Atem-
zuge auch Architektur sagen) und Medien.

Ihre jeweilige spezifische ethische Multiplika-
toren-Rolle muß ich in diesem Kreise nicht
tiefer beleuchten. Nur soviel sei als gemeinsa-
mes Wesensmerkmal resümiert: Beide prägen
langfristig und latent in hohem Maße gesell-
schaftliche Verhaltensmuster, sittliche Wertvor-
stellungen ganz wesentlich mit. Und diese
wiederum schlagen auf das Design wie auf die
Medien zurück.

Auf das verbreitete Produkt wie auf den Geist
des medial verbreiteten Wortes und Bildes trifft
zu, was Heinrich Böll vor fast 30 Jahren, 1964,
in seinen berühmten Frankfurter Vorlesungen
so formulierte:

„Die Humanität eines Landes läßt sich daran
erkennen, was in seinem Abfall landet, was an
Alltäglichem, noch Brauchbarem, was an Poe-
sie weggeworfen, der Vernichtung für wert er-
achtet wird.“

Die Tragik des eigenartigen Verhältnisses von
Design zum Wort und umgekehrt ist eine viel-
schichtige und entbehrt zuweilen nicht einer
gewissen Komik.

Komik speist sich bekanntlich aus Verfremdun-
gen und Paradoxien an und fürsich ernsthafter
beziehungsweise ernst gemeinter Sachverhal-
te und Äußerungen, aus Mißverhältnissen und
Mißverständnissen. Auf solche zunehmend tra-
gikomischen Begegnungen von Design und

Wort (beziehungsweise Begegnungen mit De-
sign in Wortgestalt) stoßen wir allenthalben. Als
ganz profanes Beispiel sei aus dem auflagen-
stärksten Druckerzeugnis der Buch- und Kunst-
stadt Leipzig zitiert - dem Telefonbuch:

„Bad- und Ausbau-Design“,

„Beton-Design“,

„Fußboden-Design“,

„Nail-Design - Ihr Fingernagelstudio“,
„Optik-Design - Ihr Augenoptiker“,

„Stein und Design“.

Die ansonsten noch mit ,,-Design“ als An-
hängsel oder „Designer-“ als Vorspiegelung
ergänzten Wortbildungen sind zur Genüge be-
kannt, vom „Sanitärkeramikdesign“ bis zu den
„Designerbrillen“ (wobei letztere mit ersterem
nichts zu tun haben wollen. Obwohl sie’s ja
durchaus könnten, wenn man mal müßte...).
Nun, lassen wir die Papierklauberei am viel-
zitierten verschwiegenen Orte.

Aber selbst Podien designspezifischer Öffent-
lichkeitsarbeit, wie etwa die alljährliche Frank-
furter Konsumgüter-Weltmesse „Ambiente“,
tragen nachhaltig zur Verballhornung des Be-
griffs Design bei. Dort, wo man nichts anderes
erwartet, als daß Design auch verbal fachge-
recht in Szene gesetzt würde, wimmelt es in den
Produktanpreisungen von
„Designermöbeln, Designer-Accessoires,
Designerschmuck, Designeruhren“ und sonsti-
gen Falschmeldungen.

Was hier nur noch fehlt, ist das „Designer-
design“. Dabei gibt es das schon längst: Schau-
en Sie sich mal Colani oder Lagerfeld an.

Man könnte kopfschüttelnd über all das hinweg-
lächeln - wenn die Folgen solchen doch mehr
tragischen als komischen Begriffsmißbrauchs
nicht äußerst fatal wären.

Die seit Jahren zu beobachtende Inflation von
„Design“ zum modischen Wortvorhängsel hat zu
einem verbreiteten öffentlichen Mißverständnis
des „Wesens“ von Design geführt.

„Industrielle Gestaltung“ als ureigenste Sinn-
stifterin dieses Begriffs wird, wenn überhaupt,
zuletzt assoziiert. Viel eher Kunsthandwerklich-
Elitäres, auch Kunstgewerbliches, bestenfalls
augenfällige, gefällige Produktkosmetik - „Nail-
Design“ für den Werkzeugkoffer sozusagen.
Alle sich dem entgegensetzenden Aufklärungs-
Zwischenrufe wie „Design ist Kunst, die sich

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