Hochschule für Industrielle Formgestaltung [Editor]
Designtheoretisches Kolloquium — 15.1994

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Joachim Krausse

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für das „Ganze Haus“.

U m weltbewu ßtsei n
in einer Gesellschaft mit
beschränkter Haftung.

i.

Ethos heißt Sitte. Ethik ist die Sittenlehre, die
Lehre vom tugendhaften oder moralischen Ver-
halten. Ethos ist griechisch, Moral ist abgeleitet
vom Lateinischen „mores“, die Sitten. („Ich wer-
de Dich Mores lehren!“)

Eine Ausstellung, die vor ein paar Jahren die
Arbeiten der legendären Ulmer Hochschule für
Gestaltung zeigte, hatte den Titel „Die Moral der
Gegenstände“. Die Ausstellungsmacher waren
sic'h sicher im Klaren darüber, daß Gegenstän-
de keine Moral haben. Es gibt nur eine Moral
des Umgangs mit ihnen, denn im Umgang der
Menschen miteinander spielen Dinge eine gro-
ße Rolle. Weil der Umgang mit den Dingen auch
Folgen für diejenigen hat, die nicht mit ihnen
Umgehen, muß er auch Teil einer Sittenlehre,
einer Ethik, sein.

Wenn nicht der Philosoph, sondern der Volks-
mund die Eigenarten im Verhalten fremder Leute
charakterisiert, so spricht er - etwas altertüm-
lich - von den „Sitten und Gebräuchen“ anderer
Völker und Kulturen. Diese „Gebräuche“ rufen
in Erinnerung, was den Philosophen zu gering-
fügig und daher vernachlässigenswert erschien:
daß nämlich der Gebrauch von etwas die Grund-
lage bildet, auf der „Gebräuche und Sitten“ ent-
stehen.

Gebrauch wird gemacht zunächst von den
menschlichen Organen, den Früchten der Na-
tur, den Tieren, dann von den Werkzeugen und
Waffen, von Kleidung und Behausung, von Din-
gen, mit denen man spielt u.s.w.

Die Beziehungen von den Dingen, mit denen
wir umgehen, zur Ethik scheint sich also in den

Gebräuchen, im Gebrauch der Dinge, zu mani-
festieren. Geschichtlich betrachtet sind dann
„Gebräuche“ nichts anderes als Traditionen, die
sich im Gebrauch gebildet haben. Und oftmals
hat sich die kulturelle Überlieferung von etwas
erhalten, das gar nicht mehr gebraucht wird. Ein
triviales Beispiel: beim Essen in Gesellschaftgilt
es als unfein, die Kartoffeln mit dem Messer zu
schneiden. Warum? Weil die Messerklingen aus
Eisen anliefen und den Geschmack beeinträch-
tigten. Die Sitte hatte also ganz praktische Grün-
de. Mit der Einführung von rostfreiem Stahl für
die Bestecke und eben auch die Messerklingen
war diese - zunächst sinnvolle - Verhaltensre-
gel überflüssig. Sie erhielt sich aber und wurde
nun ein ganz abstrakter Ausweis sogenannter
„guter Manieren“, also ein willkürliches Mittel
sozialer und kultureller Distinktion.

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem sogenann-
ten „Anstandshappen“, den man in Befolgung
der Etikette auf dem Teller läßt. In einer feuda-
len Gesellschaft hatte es einen tiefen Sinn, den
Teller nicht ganz leer zu essen, denn von den
Essensresten speiste noch das niedere Gesin-
de und die Tiere im Hause! Nur die letzteren
waren es, die den Teller ablecken, es wurde
daher zum Zeichen der niedrigsten Stufe der
Zivilisiertheit, den Teller wie die Tiere abzulek-
ken. Heute ist der „Anstandsbappen“ ein lästi-
ges Überbleibsel, das den Müllberg vermehrt,
während das Tellerablecken die Reinigungsmit-
tel im Abwaschwasser vermindern und die Ge-
samtbelastung des Wasserhaushalts reduzieren
könnte. Aber es ist nicht so einfach, aus einem
sozialen Stigma eine ökologische Tugend zu
machen, die Gebräuche durch den veränder-
ten Gebrauch zu korrigieren.

Gebräuche fallen nur dem Fremden auf, aus
großer räumlicher oder zeitlicher Distanz kann
man sich ihrer Eigenart versichern. Das jeden-
falls versuchen die Theologen und die Archäo-
logen, wobei sie ständig auf die Schranken
stoßen, die ihnen ihre eigene Herkunft und Kul-
tur setzt. Was das Gebräuchliche und Gewöhn-
liche betrifft, so ist man in der Eigenbeobachtung
etwa in der Position, die der blinde Fleck auf
der Netzhaut des Auges einnimmt. In dem Bild,
das man sich macht, gibt es keine Lücke, alles
ist bekannt, aber darum, daß es bekannt ist, ist
es eben - wie Hegel sagt - nicht erkannt.

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