Hochschule für Industrielle Formgestaltung [Editor]
Designtheoretisches Kolloquium — 15.1994

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Hans - Ulrich Werchan

Ethisch Leben trotz Design

Prolog

Der freundliche Herr im saloppen Anzug ist te-
lefonisch angemeldet. Seine Visitenkarte über-
reichend stellt er sich vor, nimmt dankend die
Einladung zu einem Heißgetränk an und setzt
sich, die Beine überschlagend mit mir an den
Beratungstisch des Ateliers.

Durch die Arbeiten für die Firma X sei er auf
mich aufmerksam geworden. Das Unterneh-
men, bei dem er beschäftigt ist, stelle ähnliche
Produkte her, allerdings nicht für den zivilen
Bereich. Natürlich dienen sie reinen Defensiv-
aufgaben, genaugenommen eher den rückwär-
tigen Diensten. Die Produkte helfen, den harten
Alltag der Soldaten zu erleichtern, bauen Ag-
gressionen ab und fördern kameradschaftliches
Miteinander.

Seine Firma bitte mich, den Auftrag zur Gestal-
tung einer neuen verbesserten Generation die-
ses Produkts (auch im Sinne des Einsatzes
umweltverträglicher Materialien und Technolo-
gien) zu übernehmen. Wissend darum, daß um-
fangreiche Recherche- und Analysearbeiten
sowie eine äußerst sensible, durchdachte Ge-
staltung nötig sind, sei das Budget ausreichend
umfangreich veranschlagt.

Er ersuche mich, möglichst noch in dieser Wo-
che ein Vertragsangebot zu erarbeiten und ver-
läßt mich, nicht ohne für den Tee gedankt und
einige interessante Bemerkungen über kulturelle
Fragen der Gegenwart gemacht zu haben.

Ein Teil der Aufgabenstellungen, die an den De-
signer herangetragen werden kommt in ver-
gleichbarer Weise auf ihn zu.

Täglich bin ich gezwungen, meine Wertmaßstä-
be mit meinem Beruf in Einklang zu bringen,
konkrete Entscheidungen zu treffen, wo meine
ethischen Grenzen verlaufen.

Der fiktive Vorspann umreißt also ein Probiem-
feld, das untrennbar mit der Arbeit im Design-
beruf (und vermutlich auch jedem anderen
kreativen Tätigkeitsfeld) verbunden ist.

Ohne erprobte Lösungen anbieten zu können,
sollen die folgenden Untersuchungen Möglich-
keiten aufzeigen, in täglichen Entscheidungs-
situationen handlungsfähig zu bleiben.

Von dieser Problemstellung ausgehend befas-
sen sich meine Überlegungen nicht mit der Dis-
kussion grundsätzlicher Einstellungen sondern
mit der Ebene ihrer Umsetzung. Nicht abstrak-
te Aufgaben von Design, sondern konkrete Hal-
tungen von Designern beschäftigen mich.

Nehmen wir also an, der Gestalter ist willens,
seine Arbeit nach ethischen Gesichtspunkten
auszurichten, welche Grenzen und Freiräume
existieren dann für seine Entscheidungen?

Grundhaltungen zur Ethik im Beruf

Unterscheiden lassen sich zwei prinzipielle
Grundhaltungen des Herangehens an ethische
Fragen, die das Feld möglicher Einstellungen
umreißen. Ich stelle sie hier in Statementform
dar:

1. Ansatz :

• lch habe noch keine Gestaltungsaufgaben für
die Militärindustrie bearbeitet und werde das
auch in Zukunft nicht tun.

Die “Militärindustrie“ steht hier als besonders si-
gnifikantes Beispiel eines Bereichs, in dem das
Risiko des Gebrauchs meiner Arbeit zu Zwek-
ken, die nicht meine Unterstützung finden, be-
sonders hoch ist. Meine ablehnende Haltung
bezieht sich nicht nur auf das konkrete Produkt,
sondern auf den Produktkontext.

• lch gestalte nicht für politische Parteien. Mit
derartiger Arbeit (auch und gerade für Parteien,
denen ich nahestehe) ist zwangsläufig verbun-
den, daß ich nicht nur einen Beitrag zur Unter-
stützung konkreter Haltungen leiste. Ich
befördere ein zur Organisation geronnenes Kon-
glomerat an Interessen, Meinungen und Sicht-
weisen, das nie hundertprozentig das meine ist
(vermutlich nicht einmal fünfzigprozentig).

• lch arbeite nicht für multinationale Konzerne,
weil...

Das Prinzip ist hinreichend erläutert. Fortsetzen
läßt sich die Kette bis zur scheinbar banalsten
Gestaltungsaufgabe, die ich nicht guten Gewis-

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